Diese Geschichte schrieb daserbebereliens.jimdofree.com @silkekweiler Fantasy

Die Feder

Sie hatte es sich eben mit einer Tasse Tee auf dem Balkon gemütlich gemacht, als die ersten eintrafen. Eingewickelt in eine warme Decke sah sie Hunderten von Krähen, Saatkrähen und Dohlen dabei zu, wie sie sich aus allen Richtungen kommend über ihrem Wohnblock sammelten, um gemeinsam die Schlafbäume am Fluss aufzusuchen. Ende Oktober hatten die Schwärme bereits eine beachtliche Größe erreicht. Lärmend wirbelten die Vögel über den Himmel, ihre heiseren Rufe wirkten, als würden sie einander die Neuigkeiten des Tages zurufen. Vielleicht schimpften sie auch übereinander, wie gestresste Autofahrer im dichten Feierabendverkehr? Wie gern würde sie die Stimmen da oben verstehen. Andächtig nippte sie an ihrem Tee und genoss das Schauspiel.

Meist war sie in diesen Augenblicken mit sich und der Welt im Reinen, heute stellte sich jedoch eine gewisse Wehmut ein. Was die Krähen in den Augen der anderen Hausbewohner zu viel hatten – nämlich Lautstärke – fehlte ihr völlig. Einen weiteren Schluck Tee kostend überlegte sie, welche Vogelart ihre Person wohl am besten beschrieb. Ein Zaunkönig vielleicht? Klein und heimlich, leicht zu übersehen? Niemals! Ausgerechnet der Zaunkönig, der in so selbstbewusst aufrechter Haltung sein Lied von seiner Sitzwarte aus schmetterte. Nein, sie war mehr wie Hansi, der Wellensittich ihrer Oma, der ihr immer leid getan hatte, weil er einsam in einem kleinen Käfig sein Dasein auf der Fensterbank fristen musste. Aber Oma war taub gewesen gegen alle Vorschläge ihrer Enkelin, dem Vogel mehr Abwechslung und Platz zu bieten. Hansis Welt waren die beiden Sitzstangen. Einmal hin, einmal her. Was für ein erbärmliches Leben. Obwohl sie nicht eingesperrt war, bestand auch ihre Welt nur aus zwei Fixpunkten: ihrer Arbeit, ihrem Zuhause. Hin und her. Und wie Hansi gab sie kaum einen Laut von sich. Was hatte sie schon groß zu sagen?

„Diese blöden Viecher, jemand sollte sie alle vergiften!“

Eine Etage unter ihr wurde ein Fenster zugeknallt. Der Schulze, typisch, der hatte viel zu sagen. Immer was zu meckern, ob nun über den Zwillingskinderwagen, der manchmal im mehr als geräumigen Hausflur stand, die leckeren Essensgerüche aus der Wohnung der beiden syrischen Studenten, die alleinerziehende Mutter, die seiner Meinung nach das Wochenblatt viel zu spät austrug, oder eben den Klecks, den gelegentlich ein Vogel über seinem überdimensionierten SUV verlor, der zwei der knappen Parkplätze beanspruchte. Sie rümpfte die Nase und sah zu den rosaüberhauchten Wolkenbäuchen hinauf. Einmal eine Krähe sein und lauter als Schulzes Gemeckere. Einmal frei über der Stadt vagabundieren. Einmal Teil einer Gemeinschaft. Das wäre was!

Gerade als sie die Tasse leeren und in ihre stille Wohnung zurückkehren wollte, trudelte etwas wie ein Propeller direkt in ihren Schoß. Eine schöne schwarze Schwungfeder! Lächelnd drehte sie das Schmuckstück im letzten Licht der Sonne. Wie die schimmerte!

„Danke!“, rief sie zu den Krähenschwärmen hinauf. Doch als sie die Feder ein weiteres Mal betrachten wollte, geschah etwas Merkwürdiges: Sie löste sich auf in … Rauch? Eine Flüssigkeit? Was auch immer es war, es berührte ihre Handfläche, war flugs darin versickert und breitete sich unter ihrer Haut aus.

„Was-?“

Sie schlug eine Hand vor den Mund. Das Wort klang krächzend, rau und überlaut. Wie eine Krähenstimme. Schon war auch ihre Hand verschwunden, die Arme zogen sich in den Körper zurück, der in seiner Gesamtheit schrumpfte. Die Kleider rutschten ihr vom Leib und bevor sie sich über ihre Nacktheit erschrecken konnte, sprossen juckend und kribbelnd Federkiele aus ihrer Haut. Keine Sekunde später saß sie auf ihrem Balkongeländer und schüttelte sich Federstaub vom Gefieder.

„Komm! Komm! Folge uns! Der Abend naht! Folge uns! Komm! Komm!“ So erklang es vielstimmig vom Himmel. Sie öffnete den Schnabel und stieß ein kräftiges „Wartet! Ich komme!“ aus. Huch! Wie laut sie sein konnte! Als hätte sie nie etwas anderes getan, breitete sie die Schwingen aus, löste sich vom Balkongeländer, flog eine Runde über Schulzes SUV, nach der sie sich um einiges leichter fühlte, und war bald hoch über den Dächern im Gewimmel der anderen Leiber verschwunden.

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