Diese Geschichte schrieb @_anna_dorfer_ Krimi

Die Jagd

Und ich dachte, ich sei hier oben auf diesem Baugerüst sicher. So schnell konnte man sich täuschen.

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich mein Blick und der meines Feindes. Lebendige, aufmerksame Augen lugten durch das freie Sichtfenster einer Sturmmaske hindurch und scannten die Umgebung, bis sie mich fanden. Ich glaubte, ein kurzes Aufleuchten in seinem Gesicht zu sehen, ein kaum vernehmbares Hochziehen seiner buschigen Augenbrauen, die so gar nicht zu seinem jugendlichen Gesicht passen wollten, das ich von früher kannte.

Ich rannte los, bevor er den Entschluss dazu fassen konnte. Schritt für Schritt sprang ich über das wackelige Gerüst. Nur mit Mühe schaffte ich es, im schwachen Mondlicht über die Bretter zu hasten. Adrenalin trieb mich weiter vorwärts. Es automatisierte meine Schritte und beschleunigte meinen Puls.

Reflexartig drehte ich meinen Kopf zurück um zu sehen, ob der Angreifer bereits losgerannt war.

Er hatte schnell aufgeholt, war flink und verdammt schnell.

Mit aller Kraft grub ich die groben Sohlen meiner Stiefel in den provisorisch aufgebauten Gerüstboden und stieß mich ab. Drei Schritte noch, dann endete das Gerüst.

Wieder ein kurzer Blick zum Angreifer. Zumindest hatte sich zu vorhin der Abstand nicht verringert.

Zwei Schritte.

Was konnte ich tun? Es ging meterweit nach unten.

Ein Schritt.

Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, spannte meine Muskeln an und sprang. Mein Bauch kribbelte, als ich durch die Luft flog. Ich fühlte mich wie ein Vogel, der all seine Sorgen einfach am Boden lassen und hoch in den Himmel fliegen konnte, wann immer er wollte. Einfach weg und davon, weg von den ganzen Sorgen und Problemen, die wie schwere Fesseln an mir hingen und mich gefangen hielten. Tag für Tag wurden sie schwerer, gruben sich tiefer in mich und brachten meinen Lebensgeist zum Röcheln.

Das dumpfe Geräusch meines Aufpralles rüttelte kurz an der Nacht, dann war es wieder still. Von meinem Feind war keine Spur mehr.

Ich grinste in mich hinein, richtete mich langsam auf und sah mich in der Umgebung um. Der Sieg prickelte auf meiner Haut und Vorfreude legte sich in mein Bewusstsein. Ich hatte es geschafft!

Plötzlich riss mich etwas zu Boden. Etwas Großes drückte mich schmerzhaft auf den Rücken und fixierte meine Hände am Rasen. Ich spürte nasses Gras und Erde unter meinen Fingern und fremde Finger sich um meine Handgelenke schließen.

Ein heller, kreischender Schrei entglitt meiner Kehle. Er zerschnitt die Nacht wie eine Glasscherbe den Fuß eines Kindes, das versehentlich darauf trat.

Ich wollte mich losreißen, meine Hände befreien, nach ihm treten. Nichts davon gelang mir. Mein Angreifer lag mit vollem Körpergewicht auf mir und nahm mir die Möglichkeit, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Die Angst, die ich in diesem Moment erstmalig in meinem Leben zu spüren bekam, war noch erdrückender als er auf mir. Lähmend und zugleich schmerzhaft pulsierend im Inneren meines Bauches, breitete sie sich aus und verseuchte ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, Pulsschlag für Pulsschlag, meinen Körper.

Nun bewegte er sich ein Stück. Mondlicht fiel auf sein maskiertes Gesicht und brach sich am Helm. Was für ein unfairer Kampf das doch war. Ich als schmächtige Frau gegen einen vollbewaffneten, mit Schutzausrüstung ausgestatteten Kämpfer. Kurz trafen seine Augen auf mich.

Sah er die Tränen, die sich in meinen Augen bildeten? Die ersten liefen bereits meine Wangen hinab und zogen schwarze Schlieren meiner billigen Mascara hinter sich her. Er sah es bestimmt und er ignorierte es bewusst.

„Diesmal war ich schneller“, sagte er.

Herannahende Schritte brachten den Boden in Schwingung, Verstärkung war im Anmarsch.

„Du hattest nur Glück“, krächzte ich, trat um mich, brüllte und wütete. Ich fluchte und schimpfte alle Worte, die ich irgendwann einmal gelernt hatte, nicht zu sagen. Mehrere Leute stürzten sich auf mich, zerrten an mir und meine Arme auf den Rücken.

„Wo hast du es?“, fragte eine Frau obligatorisch und fasste in die Bauchtasche meiner Jacke. Auch ihre Stimme war mir bekannt.

Wie konnte das auch anders sein? Ich kannte sie, sie kannten mich. Sie jagten mich. Und heute war es ihnen gelungen, die jahrelang gesuchte Dealerin der Stadt zu fangen.

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