Diese Geschichte schrieb ella-stein.at @ella.stein_schreibt Drama

Erdbeermarmelade

»Mama, was ist das?«

»Erdbeermarmelade«, erklärt Oleksandra. »Sie wird dir schmecken.« Zärtlich streichelt sie ihrem Sohn die Strähne zurück, die sich immer wieder in sein Gesicht verirrt. Er hat stundenlang seine Mütze getragen. Die Haare stehen wirr ab, zum Teil kleben sie an seinem Kopf fest.

Ungeschickt verteilt Yegor den süßen Aufstrich auf der Unterseite eines Brötchens. Das Messer sieht viel zu mächtig aus in der Kinderhand. Seine volle Konzentration liegt auf dem Streichen und darauf, nicht zu bröseln und zu patzen. Vielleicht hätte sie ihn vorher nicht ermahnen sollen, sich gut zu benehmen. Aber sie wollte einen guten Eindruck machen. Der Junge ist erschöpft von der langen Anreise und der hektischen Angst, mit der sie urplötzlich konfrontiert waren. Sein Körper zittert leicht. Sie selbst friert auch. Die heiße Tasse in ihrer Hand richtet gegen dieses tiefsitzende Frösteln kaum etwas aus.

»Oh.« Bestürzt sieht Yegor an sich herunter. Auf seinem Lieblingspullover rutscht ein Klecks Erdbeermarmelade über die aufgebügelte Lokomotive. Mit einer der gestreiften Papierservietten versucht er, das Missgeschick zu beheben. Er verteilt damit die klebrige Marmelade aber nur noch mehr und gibt schließlich auf. »Tut mir leid«, murmelt er.

»Macht nichts«, beruhigt sie ihn und trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee. Oleksandra ist zu müde, um aufzustehen, einen Schwamm zu suchen und den Fleck damit herauszuwaschen. Im Badezimmer hat sie vorhin eine kleine Waschmaschine gesehen. Hoffentlich dürfen sie die benutzen. Sie wird danach fragen.

Yegor lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf sein Frühstück. Seine langen, dichten Wimpern werden in ein paar Jahren viele Mädchenherzen höherschlagen lassen. Er hat ähnliche Augen wie sein Papa, Oleksandras Ehemann. Dessen dunkler Blick ruhte eine Weile auf ihrem Gesicht, als er sie zum Bahnsteig brachte, und ihr Herz wäre beinahe in eine Million Stücke zersprungen. Noch nie hatte sie ihn so traurig gesehen. Er war enttäuscht; von der Welt und vom Leben. Noch vor wenigen Tagen hatten sie mit ihrem Sohn die Schule angesehen, auf die er im Herbst gehen soll, und Pläne für den Sommerurlaub geschmiedet. Kurz darauf stiegen dunkle Rauchschwaden von den Häusern rund um sie empor, der Lärm der einschlagenden Bomben vermischte sich mit dem beißenden Geruch des frischen Schutts. Sie wurden auf den Schlag zu Vertriebenen. Doch einer von ihnen blieb zurück.

Eng umschlungen standen sie im frostigen Märzgrau und bemühten sich, das Beben des Körpers des jeweils anderen zu dämpfen. Kurz darauf mussten Yegor und sie in den Waggon steigen. Das »Ich liebe dich«, das sich aus ihrem Mund drängeln wollte, schluckte sie tapfer hinunter. Es hätte sich nach einem endgültigen Abschied angefühlt. Jetzt bereut sie, es nicht gesagt zu haben.

»Ich denke, es ist alles bereit. Die Betten sind frisch bezogen und mein Freund bringt euch später ein paar Lebensmittel.« Die junge Frau, in deren Wohnung sie untergebracht wurden, steht in der Tür und lächelt sie freundlich an. Ihr Englisch ist nicht gut.

»Danke, dass ihr uns aufnehmt«, erwidert Oleksandra und sieht beschämt auf die zusammengeknüllte Serviette auf dem Tisch.

»Das ist doch selbstverständlich. Die Wohnung gehörte meiner Oma und steht seit ihrem Tod leer. Erik und ich freuen uns, wenn wir irgendwie helfen können.«

»Danke«, wiederholt Oleksandra schwach. Ihr sind auf dem Weg von der Ukraine nach Österreich die Worte ausgegangen. Sie sehnt sich nach ihrer Wohnung, denkt an die Fotoalben und all die anderen Erinnerungen, die sie zurücklassen musste.

»Dürfen wir die Waschmaschine benutzen?«, fällt es ihr plötzlich ein.

Die Antwort ist bloß ein Stirnrunzeln. Die Sprachbarriere wird eine Herausforderung, denkt Oleksandra. Aber es sind hoffentlich nur ein paar Wochen, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren dürfen. In ein sicheres Land, das ihr Mann gerade mit seinem Leben verteidigt. In ein Land, das gestärkt aus dieser Katastrophe hervorgehen wird. Gemeinsam mit Wadim, ihrer Familie und ihren Freunden wird sie alles Menschenmögliche dafür tun, dass dieser Krieg für Yegor und die anderen Kinder im Laufe der Jahre zu einer immer blasser werdenden Erinnerung zerfällt, über die sich vielleicht sogar irgendwann ein friedvoller Schleier legen darf. Sie wird dafür ihre ganze Kraft brauchen. Die Kraft, die ihr jetzt fehlt, um der freundlichen Frau ihr Anliegen mit der Waschmaschine begreiflich zu machen.

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