Diese Geschichte schrieb @Ina_schreibt Drama

Grausame Sehnsucht

Die Sonne versengte erbarmungslos seinen Nacken und ließ feine Schweißperlen stetig auf sein hellblaues Hemd tropfen, während Emanuel auf Sophie wartete. Trotz der rekordverdächtigen 39 Grad an diesem Augustnachmittag wollte er Sophie unbedingt von der Arbeit abholen. Sie wusste natürlich nichts von alledem. Seit über einer halben Stunde wartete er aber nun schon in der Nähe des Bankgebäudes, wie er mit wiederholtem Blick auf sein Smartphone feststellte. Die Vorfreude wich allmählich einer Gereiztheit, was auch an der Tatsache lag, dass er unsagbaren Durst hatte und das pappige Gefühl im Mund immer unerträglicher wurde. Emanuel verfluchte seine Dummheit, keine Flasche eingepackt zu haben. Verärgert wischte er sich den Schweiß mit der Armbeuge aus dem Gesicht und blickte auf seine am Körper klebende Wäsche, als wäre sie eine zweite Haut.

Sophie trat zufrieden aus dem kühlen Vorraum in die Hitze des Tages. Das Gespräch mit dem Großkunden hatte länger gedauert als angedacht, doch nun war der Vertrag unterzeichnet und sie glücklich endlich Feierabend zu haben. Wie automatisiert steuerte sie die S-Bahn Station an, entschied sich dann aber doch für den Fußweg. Sie hatte wenig Lust auf ein überfülltes Tropenhaus im Feierabendverkehr. Lieber lief sie die 15 Minuten nach Hause. Doch zuvor wollte sie sich schnell in dem kleinen Kiosk um die Ecke etwas holen.

Emanuel schob gerade sein Smartphone mühsam in die durchweichte Hosentasche als er sie aus der Drehtür kommen sah. Endlich, es kam ihm vor, als hätte er Stunden ausgeharrt. In freudiger Erregung beobachtete er Sophie, die geradewegs auf den Kiosk ihm gegenüber zusteuerte. Um den Überraschungsmoment noch etwas hinauszuzögern, versteckte er sich hinter einer angrenzenden Hecke und wartete ab, bis Sophie mit einer Flasche Wasser, an deren Hals die ersten Wassertropfen herab perlten, wieder in die Nachmittagssonne trat.

Sophie nahm einen Schluck und spürte wie die Kälte des Getränks ihre Speiseröhre hinab lief. Eine zarte Brise spielte mit dem Saum ihres knielangen Rocks, was sie, angesichts der Hitze, als angenehm empfand. Verträumt und in freudiger Erwartung zu Hause hoffentlich auf ihren Freund zu treffen, den sie wegen eines Auslandsaufenthalts seit über einem Vierteljahr nicht gesehen hatte, steuerte sie die kleine Seitengasse an.

Eine schattige Abkürzung.

Emanuel schlüpfte vorsichtig und darauf bedacht keinen Laut zu machen aus seinem Versteck und folgte Sophie. Sie sah bezaubernd aus in diesem hellen Rock, den er nie zuvor an ihr gesehen hatte. Er konnte es kaum noch erwarten, viel zu lange schon hatte er darauf warten müssen. Mit kindlicher Vorfreude beschleunigte er seine Schritte und holte schnell auf.

Genau in dem Moment, in dem Sophie die Schritte wahrnahm, spürte sie eine warme Hand die ihren Oberarm ergriff. Sie drehte sich herum und blickte überrascht in die grünen Augen des Mannes, dessen Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt war.

»Wie, wie ist …«, murmelte sie völlig perplex. Das Adrenalin schoss schlagartig durch ihren Körper. Sie riss sich ruckartig los und rannte um ihr Leben.

Emanuel brauchte nur Sekunden um zu begreifen. Hatte sie ihn eben wirklich eiskalt zurückgewiesen? Erneut? Ihn, der sich auf den weiten Weg gemacht, Ewigkeiten in der Hitze ausgeharrt hatte, wie ein lästiger, am Laternenpfahl, angebundener Köter? Nicht mit mir! Wutentbrannt eilte er in großen Schritten hinterher.

»SOPHIEEE, bleib stehen!«

Sophies Lunge brannte wie tausend Messerstiche, während sie panisch das nahegelegene Bistro zu erreichen versuchte. Wie hatte er sie finden können? Nach all der Zeit. Ein Albtraum, ein grauenhafter Albtraum. In Todesangst schrie sie um Hilfe und hörte ihn zugleich immer näher kommen.

»Ich sagte … bleib stehen«, stieß Emanuel hervor, als er ihren Zopf zu packen bekam und Sophie zu Boden riss. »Ich liebe dich doch«, sprach er fiebrig, während er sie mit grausamer Brutalität in die Scherben der am Boden zerplatzten Wasserflasche drückte. »Wir beide, du und ich. Wir gehören zusammen«, hauchte er ihr mit fauligem Atem entgegen.

»Du bist doch vollkommen wahnsinnig«, wimmerte sie und versuchte verzweifelt seinem Griff zu entkommen.

Als würde er seinen nächsten Schritt bedauern flüsterte er mit schmerzverzerrter Miene: »Wenn nicht ich, dann niemand Sophie.« Er holte sein Messer hervor und begann, quälend langsam ihre Haut am Schlüsselbein einzuschneiden. Sophie wand sich mit aller Kraft, doch es war vergebens.

In dem Moment, in dem sie das Bewusstsein verlor, zerrte der Bistroinhaber Franco den schweren Mann von Sophie.

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