Diese Geschichte schrieb ingridrothschu.de @ingridrothschu Liebesgeschichte

Ich sah blau

Alles rot, ich kann nicht richtig sehen. Der Boden, mich festhalten … Das waren meine Gedanken, als ich starb. Jetzt bin ich tot, glaube ich. Irgendwie ist es schade, aber die Erleichterung überwiegt: Ruhe, kein Kräftemessen, kein Versagen, keine täglichen Mühen mehr und niemanden, den es juckt. Meine Schwester? Sie wird fassungslos sein, dass ich ihr die Hochzeit versaut habe. Und er? Er wird gar nicht wissen, dass er der Grund ist. Er. Große blaue Augen. Nicht auffallend attraktiv, zuerst hab ich ihn nicht wahrgenommen. In dem Seminar damals erlebte ich, wie intelligent er ist. Er moderierte und fasste zusammen, was gesagt worden war, stellte fundierte Gegenfragen. Ich schaute ihn näher an: seine schmale Gestalt, seine Hände, seine Mimik. Ich meldete mich, begann zu zittern, während ich wartete, dass er mich anhören würde, ich wollte meine Worte gut gewählt haben, scharfsinnig sein. Er sah mich an, und die Worte entfielen mir fast, ich musste tief einatmen. Da war Wärme in seinen Augen und Interesse. Ich hatte vergessen, wie es ist, wenn jemand an mir Interesse zeigt. Dann sah ich ihn lange nicht. Seine Augen, seinen Namen trug ich wie ein Geheimnis mit mir herum, ich kam mir sehr jung vor. Dann ein neues Seminar: Wir trafen uns in einer Gruppe auf dem Campus. Ich ging auf sie zu, ein Freund sprach mich an: Du gehst da auch hin? Der Referent hat abgesagt, aber hier, Lukas wird einspringen, er hat über das Thema promoviert, kennt ihr euch? Ich sah ihn, er sah mich und es war wie im Film: Ich hörte mich sprechen: Oh, wir kennen uns. Es sprach aus mir heraus, automatisch, denn ich sah nur seine Augen, seine Augen alles einnehmend, mich einsaugend, alles andere verschwand. Ein Blickkontakt wie materiell verbunden, und die Zeit dehnte sich. Die anderen redeten, wir redeten über ein Konzert, aber wir starrten uns fast schwachsinnig an …Wir sprachen mit den anderen, aber unser gegenseitiger Blick … Niemals zuvor bin ich rot geworden. Irgendwann Verabschiedung. Ich ging mit dem Freund, um bloß nicht mit ihm allein stehen zu bleiben. Er sagte auf dem Weg: Lukas wirkte heute Abend etwas geistesabwesend. Am Montag das Seminar: Ich war zu früh, wusste nicht, ob ich mir die Bekanntschaft anmerken lassen sollte. Ich hatte auch überlegt, gar nicht zum Seminar zu erscheinen, aber dann dachte ich, mir alles nur eingebildet zu haben. Als Erste im Seminarraum hielt ich das Fortschreiten der Zeit nicht aus und nahm ein Buch hervor. Der Raum füllte sich, alle warteten auf ihn und er kam. Wir sahen uns sofort. Er eröffnete das Seminar. Nach unserem Blick fühlte ich mich wie ein Ehrengast. Wir stellten uns mit Vor- und Nachnamen vor: Meinen wiederholte er „Dalgrün?“ Ja, Luisa Dalgrün. „Hast du eine Schwester, die Laura heißt?“ Ja! Laura, ein Jahr jünger als ich, Laura, die schöne Blonde, Mamas Liebling. Ich, die Dunkelhaarige wie Papa und seine Familie. Meine Tante hat Haare am Kinn. Laura sagte, guck mal, Luisa, die kriegst du dann auch. Meine Lockenhaare, Lauras Haare seidig, immer perfekt. Ich war die hässlichere, weniger erfolgreiche ältere Schwester. Jeden Morgen des Seminars sah er mich zuerst an, das machte mich satt. Am letzten Abend trafen sich alle. Da fragte ich ihn, woher er meine Schwester kennt. Er schaute mich an. Anders. Ich wollte die Frage zurücknehmen, wollte zurück zu vorher. Ich bin ihr Verlobter.

Ich kam nach Hause wie nach einer Weltreise zurück. Ich kann gut meine Gefühle beherrschen, wenn sie unpassend sind. Jeden Tag schmeckte sein Name mehr nach Einbildung und wurde für mich bedeutungsleerer. Dann traf man sich in der Kirche, das Brautpaar wurde beglückwünscht, ich gab ihm die Hand. Sie war warm und gut, nur nicht für mich. Wir sahen uns an und ich wusste es. Ich sah blau: wie die Luftmoleküle von Stickstoff und Sauerstoff, die das Licht so streuen, dass die klare Himmelsfarbe entsteht. Keine Einbildung. Ich ging ins Gasthaus, in dem gefeiert werden sollte, in die Waschräume. Schüttete meine Handtasche auf dem Marmor aus und suchte die Packung Diclophenac, spülte eine Tablette nach der anderen mit Wodka runter, dann alle meine Antidepressiva ohne Würgen. Ein Rabe vor dem Fenster sah mich an und flog davon. Ich schaffte es nach draußen und brach dort zusammen.