Diese Geschichte schrieb Alltag

Ich sehe was, was du nicht siehst!

„Ich kann die kleine Schrift am Fernseher nicht mehr lesen.“ Diese Aussage meiner 85-jährigen Mutter wurde zum Startschuss einer Odyssee.

Der Termin beim Augenarzt war dann auch ernüchternd. Beim Sehtest stolperte sie bereits in der zweiten Zeile über die Buchstaben und mir brach der Angstschweiß aus. Meine Mutter war bis dato noch regelmäßig mit dem Auto gefahren, und der Augenarzt bescheinigte ihr gerade fortgeschrittenen Grauen Star und gerade noch 20 % Sehkraft. Also sozusagen Dauernebel. Was für ein unfassbares Glück, dass noch nichts passiert war!

Der Augen-OP-Termin kam und ich freute mich auf den Moment, an dem meine Mutter erkennen würde, wie wunderbar bunt und scharf die Welt doch tatsächlich ist. Wahrscheinlich lebte sie schon Jahre unbemerkt in dieser Milchsuppe.

„Irgendetwas ist bei der Operation schiefgelaufen!“ polterte sie Tags darauf sofort los. „Schau dir das an! Meine Augen sind total geschwollen!“

„Ok, etwas, aber das geht schon noch zurück. Aber wie siehst du denn jetzt?“ fragte ich sie neugierig.

„Wie soll ich schon sehen? Wie vorher! Aber schau dir das an! Meine Arme! Die waren vor der OP einwandfrei! EINWANDFREI! Und jetzt sind sie völlig zerknittert! Wo ich die immer so gepflegt habe!“

Ja, die Arme waren mit feinen Falten überzogen, aber das waren sie vorher schon. 85 Jahre alte Haut eben. „Also ich finde, die sehen aus wie sonst auch.“

„Ach red doch nicht! Ich weiß doch, wie ich vorher ausgesehen habe! Und mein Gesicht ist ja auch ganz faltig! Da stimmt doch was nicht! Das war alles EINWANDFREI! Da habe ich irgendwas nicht vertragen! Irgendwas, was die mir da gespritzt haben!“

Mir wurde schlagartig klar: Dass die Milchsuppe, hervorgerufen durch den Grauen Star, langsam aber stetig immer mehr ihre Sicht auf die Welt und sich selbst verändert hat, hatte sie bis jetzt nicht verstanden. Und nun war dieser „Filter“ weg! Jetzt blickte sie plötzlich die Realität aus dem Spiegel an. Trotz unendlich vieler Tiegel, Tuben und Flaschen sauteurer Cremes und Body Lotions. Wo doch vorher alles EINWANDFREI gewesen war! Nein, das konnte nicht die Wahrheit sein!

Ein paar Tage später besuchte ich sie wieder und es gab Neuigkeiten.

„Stell dir vor, die Haut an meinen Beinen ist es jetzt durchsichtig. Man sieht alle Adern durch! Das war vor der OP nicht! Mein ganzer Körper ist versaut und wehrt sich gegen irgendwas!“ Schon präsentierte sie mir ihre bleichen Waden, die natürlich genauso wie vor der OP aussahen. Blasse Beine, die seit mindestens 40 Jahren keine Sonne mehr gesehen haben.

„Ja, aber du hast doch auch alles durch einen Schleier gesehen! Wie mit einem Weichzeichner! Und jetzt siehst du alles klar, scharf und so, wie es tatsächlich ist!“

„Was erzählst du denn da?! Und ich kenne doch meine Beine! Ich creme sie doch seit Jahren jeden Tag ein! Ich weiß doch, wie ich ausgesehen habe!“ fuhr sie mich mit ihrer eigenen Logik an.

Irgendwann blaffte ich meine Mutter an, sie möge mich damit in Ruhe lassen. Und dass sie die einzige auf dem Planeten wäre, deren Haut nach einer lokalen Anästhesie faltig und durchsichtig geworden wäre. Wirklich echt einmalig! Dann war Ruhe. Später startete sie noch den ein oder anderen Versuch und ich frage mich bis heute: Wenn meine Mutter wegen des weichzeichnenden Grauen Stars tatsächlich dachte, dass sie mit 85 noch eine Haut wie eine 20-jährige hat, denken dann all die jungen Menschen, die sich auf Fotos mit Filtern die Haut glattbügeln, die Lippen aufblasen, die Hintern aufpumpen, die Taillen schrumpfen, die Augen färben und sich glitzern lassen tatsächlich, dass sie so aussehen? Was passiert, wenn sie eines Tages in den Spiegel schauen und feststellen, dass ihre Haut Poren, ihre Taille Röllchen, ihre Hintern Dellen haben, ihre Lippen nicht wie zwei dicke rotlackierte Weißwürste sondern wie zwei dehydrierte Regenwürmer aussehen, dass ihre Augen nicht himmelblau leuchten, sondern eine Farbe irgendwas zwischen Pfützengrau, Straßenköterbraun und Schimmelgrün haben? Dass ihr ganzes Leben ein Filter war und nichts glitzert!

Meine Mutter ist jetzt 90 geworden. Der Creme-Verbrauch ist gestiegen und wenn sich die Gelegenheit bietet, dann schimpft sie noch immer über die verpfuschte OP. Seit neuestem meint sie, dass sie ihre Arme langsam etwas glatter gecremt hat. Ich stelle aber auch fest, dass sie zum Lesen ihre alte Brille wieder rausgekramt hat. Auch gut. Weitsichtigkeit ist die neue Weichsichtigkeit.

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