Diese Geschichte schrieb @KleinerWaldschrat Drama, Romantik

Die blauen Läden

Margarete sah auf die Uhr. Noch zwei Minuten bis zu ihrem Termin. Sie atmete tief und laut ein, richtete ihr schwarzes Kleid, obwohl es auch so schon tadellos saß und klingelte an der Tür der Anwaltskanzlei Vogt. Der Türsummer ging. Sie drückte sacht gegen den Griff und mit einem lauten Klack öffnete sich die Tür. Im Eingangsbereich saß eine junge Dame in einem rostfarbenen Anzug und mit dunklen, adrett hochgesteckten Haaren.

„Frau Seidel, er wartet schon auf Sie“, begrüßte die junge Frau sie mit formellem Lächeln.

„Aber ich bin doch nicht zu spät?“, fragte Margarete erschrocken und sah abermals auf ihre Armbanduhr.

„Aber nein. Herr Vogt hat seinen vorherigen Termin verschoben, damit er direkt für sie da sein kann, wenn sie kommen“, beschwichtigte die Andere und stand auf, um an die Bürotür des Anwaltszimmers zu klopfen. Als sie öffnete fiel Margaretes Blick auf einen hochgewachsenen, schlanken Mittfünfziger der eine Brille trug, die sie an Harry Potter erinnerte und nicht so recht zu seinem grauen Anzug und der dunkelblauen Krawatte passen wollte.

Die beiden alten Freunde, heute als Anwalt und Mandantin zusammen gekommen, umarmten sich herzlich zur Begrüßung.

„Margarete, es tut mir so leid“, waren die ersten Worte, die der Anwalt sprach.

Sie kämpfte wie so oft in den letzten Tagen mit den Tränen und brachte nur ein sachtes Kopfnicken zustande. „Es geht ihm jetzt gut“, hauchte sie, mehr zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber.

Der Anwalt räusperte sich leise.

„Wollen wir die Formalitäten hinter uns bringen?“, fragte er. „Wir haben so viel Zeit, wie du brauchst, aber ich weiß ja, dass du nicht gern etwas aufschiebst, was getan werden muss.“

Margarete musste trotz ihres Kummers lächeln. „Ja, da hast du Recht, Thomas. Lass es uns hinter uns bringen.“ Sie straffte die Schultern und sah fast ein wenig kämpferisch aus in diesem Moment, der sie so viel Kraft kostete.

Der Anwalt nickte, stand auf und ging an einen Schrank. Als er zu Margarete zurück ging, hatte er eine kleine Holzkiste in der Hand.

Irritiert nahm sie das Kistchen entgegen und sah Thomas fragend an. Ihr Freund aber lächelte nur traurig und deutete mit dem Kopf auf die kleine Kiste.

„Ich… werde uns eine Tasse Tee machen, während du hineinsiehst.“ Thomas’ Stimme klang mit einem Mal belegt und er hastete aus seinem eigenen Büro, als hätte Margarete ihn hinausgeworfen.

Sie sah ihm einen Moment lang fragend nach, dann blickte sie auf die kleine Kiste in ihrem Schoß. Langsam öffnete sie den Deckel und das Erste, was sie sah, war ihr Name auf einem Briefumschlag in der Handschrift ihres vor ein paar Tagen verstorbenen Mannes. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Brief.

„Meine Liebe Margarete,

Wenn Du diese Zeilen liest, dann habe ich alles hinter mir gelassen. Die Krankheit, die Schmerzen, aber auch mein Leben mit Dir. Und das ist das Einzige, was mich traurig macht. Dass wir keine Zeit mehr füreinander haben. Du warst die Liebe meines Lebens und ich würde mich immer wieder für Dich entscheiden. Du hast mein Leben reich und schön und wunderbar gemacht.

Und jetzt, da ich nicht mehr da sein kann für Dich, möchte ich, dass Du nicht aufgibst. Du bist so stark und schön und so voller Leben.

Kannst Du Dich noch an das Haus in Italien erinnern, welches wir im letzten Sommer gesehen haben? Das mit den blauen Läden… es stand leer und wir sind heimlich dort hineingegangen. Du hast Dich sofort in den verwilderten kleinen Garten verliebt und wir haben Scherze darüber gemacht, dass wir uns dieses Haus kaufen werden und den Rest unseres Lebens dort verbringen.

Mein Leben ist nun zu Ende, aber Deines hält noch viel für Dich bereit, Margarete. Meine geliebte Margarete. In dieser Kiste findest Du den Schlüssel für das Haus mit den blauen Läden. Alle wichtigen Unterlagen und Urkunden hat Thomas für Dich. Er ist eingeweiht gewesen in meine Pläne. Sei ihm nicht böse, er musste mir versprechen, nichts zu sagen.

Margarete, ich will, dass Du nicht aufgibst. Ich will, dass Du unseren Traum in die Tat umsetzt. Ein Teil von mir wird immer bei Dir sein dort in dem Haus mit den blauen Läden. Ich liebe Dich, mein Herz. Immer und über den Tod hinaus.“

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