Diese Geschichte schrieb @janmoede Abenteuer

Im Felsen

Pfeifen. Undefinierbares Pfeifen. Pfeifen und Klingeln. Ich öffne langsam meine Augen. Alles, was ich wahrnehme, ist ein wildes Durcheinander von Farben und ineinanderfließenden Formen. Innerhalb dieses Schauspiels eine grüne Wolke, aus der immer wieder Blitze stoßen, dünnen Armen und Beinen gleich.

Meine Augen gewöhnen sich an die Umgebung. Es sind tatsächlich Arme. Sie gehören Wagenbach in seinem grünen Anorak. Er fuchtelt mit den Armen, und das Pfeifen und Klingeln ist sein Gekreische, mit dem er gegen unsere Behandlung protestiert und gegen die Lage, in der wir uns befinden.

Der Eremit zeigt sich davon unbeeindruckt. Er hockt uns gegenüber, auf einem erhöhten Natursims aus Stein und blickt stur geradeaus. Kauernd, majestätisch, wie eine Eule. Oder wie ein Vampir, wegen der Schattenspiele auf seinem Gesicht, von dem flackernden Feuer, das vor ihm lodert. Die Flammen zaubern durch ihre unkontrollierten Bewegungen rötliche Linien auf seine Stirn, offenen Blutbahnen gleich. Sie machen ihn verletzlich, so wirkt er gar nicht wie der Entführer, der er ist.

Wagenbachs Geschrei hat sich inzwischen gelegt. Ich versuche mich zu erinnern, was passiert ist, wie wir hierhergekommen sind. Eine Wanderung, wir waren eine Gruppe, ich glaube zu sechst oder zu acht. An die Namen der anderen erinnere ich mich nicht, eine Zufallsgemeinschaft, zusammengewürfelt aus naiven Städtern, die eine fragwürdige Herausforderung suchen, hier im unwirtlichen Hochgebirge. Wagenbach und ich haben uns im Zug kennengelernt. Ich glaube, er sagte, er sei Lehrer für Geschichte und Latein, durch seine linkische Art mir vom ersten Augenblick unsympathisch. Eine Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet mit ihm hier festsitze.

Die weiteren Mitglieder unserer Gruppe hatten wir in der kleinen Pension am Marktplatz beim kargen Frühstück kennengelernt, hatten dann festgestellt, dass wir alle den gleichen Weg gehen wollten.

Wir waren schon zwei oder drei Stunden durch den Wald gelaufen, dann war da diese Klamm mit dem schmalen Metallsteg. Eine eigenartige Stimmung durchzog die enge Schlucht, alles war in monochromes Grau getaucht, die Sonne schien sich kaum hier herunterzutrauen, ganz so, als hätte sie sich von diesem Teil der Welt abgewandt. Der Bach unter uns sorgte für unangenehme feuchte Kälte, die einen durchdringt und nicht mehr loslässt. Kein Laut war zu hören, selbst die eigene Stimme schien geschluckt zu werden wie in einem schalltoten Raum.

Der Abstieg war schon beschwerlich, und nun standen wir vor dem Steg, an unserer Seite mit einer Metalltür versehen, die einem das Weitergehen verwehrte. Auf einem verwitterten Schild stand etwas von „Privatbesitz“, „Gefahr“ und „verboten“. Wagenbach wollte auf der Stelle umkehren, da hatten die anderen sich schon in den Kopf gesetzt, die Tür aufzubrechen, um auf der anderen Seite weiterzugehen. Schließlich sei man schon so weit gekommen und müsse sonst den ganzen Weg wieder zurück. Außerdem sähe der Steg eher aus, als würde hier schon seit Jahren niemand mehr auf seinen Privatbesitz achten.

Wagenbach protestierte natürlich, während ich es vorzog, nichts zu sagen. Ich wollte nicht als Spielverderber gelten, mich aber auch keiner wie auch immer gearteten Gefahr aussetzen. So fügte ich mich der Mehrheit, und Wagenbach schließlich auch, der keine Lust hatte, allein die Rückkehr anzutreten.

Wir hatten die andere Seite der Klamm erreicht. Es schien noch ein paar Grade kälter zu werden, der Bewuchs noch dichter, da ging alles ganz schnell. Einer der Männer rief, er hätte was gesehen, drehte sich noch zu uns um, da sprang etwas riesiges Schwarzes aus dem Unterholz und riss ihn mit sich. Ich war wie gelähmt. Schon kam das Ungetüm zurück und holte die anderen, bevor Wagenbach und ich endlich aus unserer Apathie erwachten und anfingen zu rennen, ohne uns umzudrehen. Doch wir kamen nicht weit. Ich meinte noch, vor uns eine Lichtung ausmachen zu können, als ein querhängender Ast in mein Gesicht schlug und mir schwarz vor Augen wurde.

Jetzt, wo er neben dem Eremiten sitzt, sieht der Wolf eigentlich ganz friedlich aus und gar nicht wie die Bestie von vorhin. Keine Ahnung, was aus uns wird oder ob wir hier jemals wieder rauskommen. Ich male mir aus, es handele sich bei uns vielmehr um eine Art Fluchtgemeinschaft, wir säßen in dieser Höhle und harrten der Gefahr, die draußen auf uns lauert.

Dieser Gedanke entspannt mich. Ich lächle, rutsche ein wenig auf dem Felsvorsprung hin und her, und schließe meine Augen wieder.

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