Diese Geschichte schrieb @jana_lycka_autorin Beziehung

Hochzeitstag

Im angrenzenden Bad rauschte die Dusche.

Sie kauerte wartend am Rand der ausladenden Matratze, um dieses Kunstwerk nicht zu ruinieren. Beim Betreten des Zimmers hatte ihr der Anblick dieser liebevoll dekorierten Suite die Tränen in die Augen getrieben. Es war ein wenig kitschig, klar, aber das durfte es ruhig sein, schließlich hatten sie die Love Suite anlässlich ihres fünfunddreißigsten Hochzeitstages gebucht. Gab es einen berechtigteren Anlass für Kitsch?

Fünfunddreißig Jahre.

Fünfunddreißig gemeinsame Ehejahre, darauf konnte sie stolz sein. Immerhin war das heutzutage längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Es war doch niemand mehr bereit, etwas für seine Ehe zu tun. Die erste kleine Gewitterwolke am Himmel – Scheidungsanwalt.

Und wer dachte dabei an die Kinder? Sie hatten drei. Zwei Mädchen und einen Jungen, und nichts hätte sie glücklicher machen können. Jetzt waren sie alle erwachsen, die Älteste arbeitete als Ärztin, das erzählte sie besonders gern. Der Junge war etwas Hohes in einer Behörde, sie verstand nie genau, was er da tat, aber es klang gut. Und das Nesthäkchen studierte noch.

Sie hatte ihnen eine schöne Kindheit geschenkt, ein großes, gemütliches Haus, das sie immer sauber und ordentlich hielt und in dem sich Gäste – und davon gab es viele – immer wohlgefühlt hatten. Windeln wechseln, bei Liebeskummer und schlechten Noten trösten – das war jahrzehntelang ihr Lebensinhalt gewesen und sie genoss es.

Und wenn er Geschäftspartner mit nach Hause brachte, zauberte sie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks Essen, von denen noch lange geschwärmt wurde. Sie selbst blieb dann immer oben bei den Kindern. Nicht dass er es ihr hätte sagen müssen, sie wusste ja selbst, dass ihr Äußeres nicht richtig mit ihrem Vorzeigeleben harmonierte. Ein paar Kilos mehr pro Jahr, nicht immer Zeit für Friseur und Maniküre, und Shopping erst, wenn alle drei Kinder eingekleidet waren.

Aber was zählte es schon, dass sie nicht aussah wie ein Model, wenn sie dafür abends drei glückliche Kinder und einen zufriedenen Ehemann vorweisen konnte?

Fünfunddreißig Jahre als Familie.

Vielleicht nicht ganz so viele, wenn sie ehrlich sein wollte. Zog man seine Geschäftsreisen ab und die Zeit, die er beim Sport oder gleich übers ganze Wochenende bei Wettkämpfen verbracht hatte, dann waren es bestimmt schon ein paar weniger.

Aber auch das hatte sie ihm nie übelgenommen. Sein Beruf war wichtig und mit Sport hielt er sich im Gegensatz zu ihr in Form. Sie hatte die Kinder, engagierte sich in Kindergarten, Schule und ein paar Vereinen und las gerne, wenn sie ab und zu Zeit dafür fand.

Natürlich war es schade um ihr Studium, aber sie konnte seine Argumentation nachvollziehen. Er verdiente mehr, als sie mit ihren Geisteswissenschaften bekommen hätte, also blieb sie daheim.

Fünfunddreißig Jahre.

Leider nicht als Paar. Da musste sie einiges abziehen. Klar, die Zeit mit den Kindern ließ oft wenig Raum für Zweisamkeit, doch das konnte sie nicht als Ausrede anführen, denn trotz Kindern, Haushalt und beruflichem Stress waren es gerade diese Jahre gewesen, die sie im Nachhinein als sehr erfüllt bezeichnen konnte. Später, da wurde es dann immer weniger, obwohl sie sich wieder mehr Mühe gegeben hatte, nachdem die Jüngste zum Studium ausgezogen war. Ein bisschen Pilates, Dinner cancelling, Highlights im neuen Haarschnitt. An ihrer Unsichtbarkeit hatte das nichts geändert.

Seit drei Tagen wusste sie, woran es lag. Und gegen „es“ hatten ein bisschen Bewegung und ein Besuch beim Friseur keine Chance, denn „es“ war erst achtundzwanzig und Fitness-Trainerin im Club, in dem er sich fit hielt. Vermutlich war sie nur das bisher letzte „es“ in einer langen Reihe, das war ihr durchaus bewusst. Und es herauszufinden tat weh.

Aber deshalb eine so teure Reise absagen? Die schon bezahlt war? Darum kümmerte nämlich immer sie sich und sie hatte nie eine Mahnung bekommen. Nein, nicht wegen einer blonden Göttin, die vermutlich die Beine hinterm Kopf verschränken konnte.

Die Dusche verstummte. Sie fuhr mit der Hand über das wunderschöne Herz aus Decken, dann griff sie nach einem der kleinen Cupcakes und biss hinein. Er schmeckte himmlisch. Die Badezimmertür öffnete sich, Inge kam heraus und zog demonstrativ eine Packung Kondome aus ihrer Handtasche. „Bist du bereit? Jetzt geht’s ab auf die Piste!“

Sie lachte. „Zu allem bereit.“

Es sagte ja niemand, dass er unbedingt mitfahren musste. Inge und das Geld vom gemeinsamen Konto genügten völlig.

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