Diese Geschichte schrieb @Jenny.Barbara.Altmann Liebe

Herzschläge

Unsere Liebe war so jung, dass wir sie uns noch nicht gestanden hatten. Zumindest nicht mit Worten. Doch jeder Blick aus ihren kobaltblauen Augen brachte mein Herz zum Hüpfen. Jede Berührung hinterließ ein Kribbeln auf meiner Haut und jeder Kuss verursachte ein Feuerwerk an neuen Gefühlen.

Wir lernten uns gerade erst kennen. Arm in Arm lagen wir im Gras und beobachteten die Wolken. Es war ein perfekter Moment und ich schloss die Augen, um ihn mir für immer einzuprägen. Als ich sie wieder öffnete, stand ein kleiner Vogel vor meinen Augen. Winzig wie ein Schmetterling. Ein schillernder Kolibri.

„Wusstest du, dass das Herz eines Kolibris im Flug 1200 Mal pro Minute schlägt?“, fragte sie.

Fasziniert beobachtete ich, wie das winzige Geschöpf davonflog.

„Dafür wird er auch nur höchstens 5 Jahre alt“, erzählte sie weiter. „Das Herz einer Schildkröte dagegen schlägt nur alle sechs Minuten und sie wird über 100 Jahre alt.“

Ich schwieg. Lauschte ihrer Stimme wie einer einzigartigen Melodie und spielte dabei mit einer ihrer weichen Haarsträhnen.

„Weißt du“, fuhr sie unbeirrt fort, „Es gibt die Theorie, dass jedes Lebewesen dieselbe Anzahl an Herzschlägen für sein Leben zur Verfügung hat.“

„Was bedeutet das?“

„Je schneller ein Herz schlägt, desto kürzer ist sein Leben“, fasste sie zusammen.

„Dann sollte ich mich wohl lieber von dir fernhalten“, erwiderte ich ernst.

Sie blickte mich unsicher an. „Warum denn?“

Ich nahm ihre Hand, sah sie an und hätte mich und all das, was ich sagen wollte, fast in dem blauen Meer ihrer Augen verloren. Doch ich bemerkte ihren ängstlichen Blick und beeilte mich zu antworten: „Wenn du mich ansiehst schlägt mein Herz Purzelbäume. Wenn du mich berührst, rast mein Herz und ich fange besser gar nicht erst damit an, was mein Herz anstellt, wenn du mich küsst.“

Sie grinste.

„Du stiehlst meine Herzschläge und damit meine Lebenszeit“, schloss ich, „Also bist du lebensgefährlich für mich und ich sollte mich von dir fernhalten.“

„Wie stehle ich deine Herzschläge denn? Etwa so?“ Sie legte sich auf mich und küsste mich leidenschaftlich.

„Genau so“, antwortete ich atemlos.

„Du irrst dich!“, widersprach sie, „Ich rette deine Herzschläge für dich!“

Erneut versanken wir in einem tiefen Kuss. Als wir uns voneinander lösten, war ich unfähig zu denken. Alles, was ich tun konnte, war, sie zu spüren. Den Geschmack ihrer köstlichen Lippen auf meinen. Meine Hände, die sich in ihre weichen Haare gruben. Ihre Wärme, die durch meine Kleidung strahlte. Mein Herz, das, so verrückt es während unseres Kusses auch geschlagen hatte, jetzt ruhig und regelmäßig in meiner Brust pochte. Sie legte ihre Hand auf mein Herz und führte meine zu ihrem.

„Jetzt schlagen sie langsamer“, flüsterte sie. „Spürst du es?“

Ich nickte.

„Das liegt daran“, führte sie aus, „dass Küsse und Berührungen Stress reduzieren und so auf lange Sicht den Herzschlag verlangsamen. Genauso wie Menschen, die uns glücklich machen und uns zum Lachen bringen. All das führt dazu, dass unser Herz auf Dauer langsamer und länger schlägt.“

„Mir gefällt der Gedanke“, stimmte ich zu, „Je glücklicher wir sind, desto mehr Zeit hat unser Herz, zu schlagen.“

„Und trotzdem wissen wir nie, wieviel Zeit uns bleibt“, gab sie zu bedenken, „Jeder Augenblick ist einzigartig und kostbar.“

Ich sah sie an. Ihr goldenes Haar. Ihr strahlender Blick. Den Schwung ihrer Lippen. Und plötzlich war es ganz klar. Da gab es keinen falschen Stolz. Keine Zweifel. Kein ‚Es ist zu früh‘. Es gab nur diesen einen perfekten Moment.

„Ich liebe dich!“ Meine Stimme klang sicher. Diese drei Worte kamen direkt aus meinem Herzen.

Sie lachte erfreut auf und wollte etwas erwidern, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen. Was ich zu sagen hatte, musste jetzt gesagt werden. Denn sonst wäre dieser vollkommene Augenblick vorbei und mit ihm die Worte, die in diesem Moment so deutlich auf meiner Zunge lagen.

„Mein Herz hat noch niemals so gerast, wie mit dir. Und noch niemals hat es so langsam geschlagen wie mit dir. Und noch niemals war ich mir einer Sache so sicher wie dieser einen: Ich möchte den Rest meiner Herzschläge mit dir verbringen.“

Aus einem Grashalm formte ich einen Ring. Mit fragendem Blick hielt ich ihn an ihre Hand.

„Möchtest du …“

Der Rest meiner Frage ging in einem stürmischen Kuss unter.

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