Diese Geschichte schrieb @juma_jaro Coming of age

Ohne Plan B!

“Wie fühlt es sich an?”, fragte Jarons Mutter und sah ihn lächelnd an.

Nachdenklich blickte er an dem Gebäude vor dem sie standen hinauf, atmete durch und antwortete: “Ich will das! Ich will das unbedingt!”

“Ich weiß. Ich wusste es immer. Und du hast dich bestens darauf vorbereitet.”

“Und wenn es nicht reicht?” Jaron löste seinen Blick von der Hauswand und sah seine Mutter unsicher an.

“Ich hab dich noch nie an dir zweifeln sehen. Heute wäre der schlechteste Tag, um damit anzufangen. Also geh rein und zeig wie sehr du es willst.”

Entschlossen nickte er einmal und umfasste die Riemen seiner Tasche mit festem Griff. Dann umarmte er seine Mutter, die ihn unterstützte und begleitete, solange er denken konnte und verschwand durch die Tür, durch die er zukünftig gerne jeden Tag gehen würde. Mit 16 Jahren hatte er endgültig beschlossen, dass es dieser Weg für ihn sein sollte. Dieses Gebäude und diese Tür. Seit drei Jahren arbeitete er fast täglich darauf hin. Ging an seine Grenzen und verlor sein Ziel nie aus den Augen. Das eher durchschnittliche Abitur war bedeutungslos für ihn, weil er wusste, dass niemand mehr danach fragen würde, wenn er hier überzeugte. Wenn er einer der Besten werden würde. Englisch und Sport, alles was er gebrauchen konnte.

“Hallo”, begrüßte er eine junge Frau, die anscheinend allen Orientierungslosen weiterhalf, “Jaron Kramer. Ich bin angemeldet.”

Sie sah prüfend auf eine Liste, händigte Jaron einen Zettel mit einer Nummer darauf aus und teilte mit: “Die Treppe hoch und dann geradeaus, Saal 1 auf der linken Seite. Viel Erfolg.”

Jaron lächelte sie dankbar an und ging seinem Traum weiter entgegen. Im oberen Stockwerk ließ er neugierig den Blick schweifen. ‘Ich bin hier’, dachte er, ‘Ich bin wirklich hier. Hoffentlich bleibt es nicht bei fünf Minuten.’

In dem großen Saal, dessen Spiegelwand jeden Anwesenden doppelte, herrschte eine Stimmung, die Jaron sehr vertraut war. Aufregung, Nervosität und Vorfreude umgab jeden Einzelnen und selbst ein Flüstern hallte von den hohen Decken zurück. Riesige Industriefenster ließen bereitwillig Tageslicht herein. Man begutachtete die neu hereingekommene Konkurrenz. Zum Einen, weil die Plätze begrenzt waren, aber sicherlich auch, weil Jaron bis zu diesem Zeitpunkt der einzige Junge war. Seine Tasche stellte er unter einem der Fenster ab und tat es den Mädchen gleich, die sich auf ihren Moment vorbereiteten. Auf maximal drei Minuten, die mindestens über die nächsten drei Jahre entschieden. Fokussiert auf sich und seinen Atem, ging er im Kopf durch, was er wochenlang vorbereitet hatte. Bei einem starken Stretch für die Beine sah er auf die verschorften Wunden an seinen Füßen. Beweismaterial dafür, wie hart sein Training war. Ein Mädchen nach dem anderen wurde aufgerufen und verließ den Raum. Dafür kamen Neue hinzu. Jaron fragte sich, ob er einige der Gesichter wiedersehen würde. Ob man, abgesehen von diesem Tag, weitere gemeinsame Erfahrungen machen würde.

“Nummer 42, Jaron Kramer?”, rief ihn eine kräftige Stimme auf. Der dazugehörige Mann stand in der Tür und sah Jaron fragend an. Jaron nickte bestätigend, hob zügig seine Tasche auf und folgte der Person, die ihn abholte. Jetzt ging es um alles oder nichts. Was, wenn es nicht ausreichte? Um sich selbst anzutreiben, hatte er nie einen Plan B gemacht. Seine Mutter stand immer noch unten und er wollte nichts mehr, als ihr in ein paar Minuten zu sagen, dass er es geschafft hatte.

Durch ein Fenster im Flur sah er im Vorbeigehen in einen Innenhof. An der Hauswand ein Graffiti. ‘Tanz aus der Reihe und wachse über dich hinaus!’

Lächelnd folgte er dem Mann um eine Ecke, durch eine andere Tür. Kurz darauf tanzte er sein Solo, als würde sein Leben davon abhängen. Tanzte für seinen Platz an der Fachhochschule für Bühnentanz.