Diese Geschichte schrieb karla-schulz-autorin.jimdosite.com @karla.schreibt.drabbles Historisch, Drama

Die Vollstreckung

Hannes zwinkerte. Schweiß war in sein Auge gelaufen. Die Sonne brannte vom Himmel, auch hinter den dicken Mauern war es stickig warm. Die Menge plapperte aufgeregt, draußen auf dem Marktplatz.

Hannes blickte zur Uhr des Rathauses. Die Anpreisungen der Bauchladenhändler tönten über den Platz: Brezeln, Wurst, Käse, Obst – für jeden Geschmack war etwas dabei. In wenigen Minuten, wenn der Glockenschlag zur vollen Stunde ertönte, würde er hinaustreten. Richter und Bürgermeister verlasen Anklage und Geständnis. Eines, das, wie üblich, mit nicht minderer Folter herausgepresst worden war. Als dann verkündete der Richter das Urteil. Heute stand dort weder Fallbeil noch Galgen auf dem Podest. Die Strafe sollte durch das Richtbeil vollstreckt werden.

Draußen schlug die Uhr zur Mittagsstunde. Die Ketten an den Hand- und Fußgelenken klirrten bei jedem Schritt. Zwei Wachen waren zum Geleit abgestellt. Hannes lief als letzter. So konnte er kurz die dunkle Haube lüften und sich den Schweiß vom Gesicht wischen, bevor er nach den anderen durch die kleine Holztür direkt am Fuße des Podests ins blendende Sonnenlicht trat. Das dumpfe Paukentrommeln der Stadtwache dröhnte durch die Luft, während sie zu viert die Stufen des Podests erklommen und auf ihre vorbestimmten Plätze traten.

Hannes schloss die Augen. Unter der Haube war es in der Sonne noch heißer als zuvor.

Die Verlesungen zogen sich in die Länge, die Zeiger der Rathausuhr näherten sich der nächsten vollen Stunde.

Endlich setzte der Trommelwirbel ein. Der Gefangene wurde vor den Richtblock geführt, kniete nieder und legte sein Haupt in die Vertiefung.

Hannes betete innerlich, dass dies die letzte Hinrichtung mit dem Beil sein möge. Allerdings war der Richter dafür bekannt, diese Hinrichtungsart zu bevorzugen. Die frisch geschärfte Schneide des Beils glänzte in der Sonne, als Hannes es aus der Halterung nahm. Die Menge war verstummt, nur das Zwitschern einer Amsel in der Krone der Eiche mittig auf dem Marktplatz war zu hören. Hannes Nackenhaare stellen sich auf. Er wusste, was die Bürger erwarteten: eine lapidare Hinrichtung, ohne Schnickschnack. Durch die beiden Schlitze seiner Haube sah er in erwartungsvolle Gesichter. Dort war neben dem Durst nach Blut, auch die Genugtuung, einen Schurken weniger in der Stadt zu haben und für andere ein Exempel zu statuieren, sichtbar.

Mit festem Schritt trat Hannes neben den Todgeweihten, dem die letzten Worte zustanden. Doch dieser schüttelte nur den Kopf, sodass seine vom Schmutz verkrusteten Locken hin und her wippten. Unvermeidlich tauchten die Erinnerungen an die vergangenen Wochen mit dem Verurteilten vor Hannes innerem Auge auf. Wie viel Zeit und Energie er in das Geständnis hatte investieren müssen. Der Gefangene war widerspenstig gewesen und bestritt vehement jede Schuld. Am Ende war er mehr tot als lebendig, als er gestand, nur um wenige Tage später hingerichtet zu werden. Ob der Tragödie und Ironie stieg in Hannes ein Lachen herauf. Schnell biss er sich auf die Lippe. Aus der Menge rief jemand, er möge sich beeilen, das Essen warte zu Hause. Pfiffe ertönten. Das Lachen in Hannes wurde lauter. Er konnte nicht. Zu lange hatte er diese Seele gefoltert, ja fast getötet. Und jetzt sollte er ihn ein weiteres Mal töten? Das Ganze kam ihm mehr vor wie ein groteskes Bühnenstück, in dem er unfreiwillig die Hauptrolle spielte.

Seine Linke packte hinter der Rechten den Griff des Beils. Metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus, warmes Blut floss seinen Mundwinkel hinunter, vermischte sich mit dem salzigen Schweiß am Kinn. Leicht hob er das Beil und ließ den Kopf unsanft auf seine Fußspitze plumpsen. Der Schmerz erstickte das Lachen endgültig. Kurz blickte er zur Stadtwache, die eifrig trommelte, und nickte als Zeichen, das Tempo zu erhöhen.

Einatmen, ausatmen. Automatisch hob er das Richtbeil über den Kopf, dann sauste es hinunter und trennte den Kopf vom Körper, der schlaff zur Seite kippte. Das Trommeln endete abrupt. Irgendwo in der Menge begann ein Mann zu jubeln, andere stimmten mit ein. Hannes konnte durch den Tränenschleier kaum etwas sehen. Tastend fand er die Stufen, öffnete die hölzerne Tür und schloss sie eilig hinter sich. Ratschend schob er den Riegel vor und zog sich die Haube vom schweißnassen Gesicht. Weinend sank er auf den Boden.

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