Diese Geschichte schrieb katvanarbour.com @kat.van.arbour Thriller

Die Aggressionstherapie

Langsam gebe ich die zurechtgeschnittenen Stücke Fleisch in den Fleischwolf. Mit Salz, Pfeffer, Semmelbrösel und weiteren Gewürzen verfeinere ich den entstehenden Hackfleischberg und forme golfballgroße Kugeln daraus. Der Piepton einer eingehenden Nachricht ertönt. Ein genervtes Knurren entringt sich meiner Kehle. Ich habe schon wieder vergessen es auszuschalten. Mit den Händen in der Fleischmasse ist es gerade sehr unpassend. Mein Psychiater hatte mir damals empfohlen, meine aufwallenden Aggressionen durch ein Hobby abzubauen. Er schlug vor, es mit Sport zu probieren, aber ich hasse Sport. Auch die Idee bis zehn zu zählen war nicht sehr hilfreich. Es machte mich nur noch wütender. Ich war jemand, der keinerlei Geduld besaß und diese langsame Zählerei schürte diese Problematik nur. Die Wut, die in mir steckte und jeden Moment ohne ersichtlichen Grund auszubrechen drohte, war dabei, mir das Leben zu zerstören. Wie oft sah ich mich schon mit einer Anhörung konfrontiert, weil ich jemandem die Scheiße aus dem Leib geprügelt hatte? Laut dem Richter zu oft. Ich hatte die Wahl: Entweder mich in psychologische Behandlung zu begeben und der Ursache auf den Grund zu gehen, oder bei der nächsten handgreiflichen Auseinandersetzung in den Knast gehen. Die Entscheidung war einfach, denn im Gefängnis verrotten kam nicht infrage. Ich bin nicht gerade jemand, den man als gesellig bezeichnen könnte. Mir also mit jemandem eine Zelle teilen, würde sich nicht gerade positiv auf mein Aggressionsproblem auswirken. Ich erinnere mich daran, als ich mir damals die Wohnung mit einer Mitbewohnerin teilte, weil die Mieten einfach unanständig hoch waren. Die ersten Wochen liefen noch ganz gut, aber als sie anfing, ständig ihre ätzende – gute Laune – Popmusik in ihrem Zimmer zu hören, spürte ich es langsam in mir brodeln. Die Wände waren dünn wie Papier und Privatsphäre war ein Luxus, den ich mir nicht leisten konnte. Ich hatte wirklich alles versucht. Ohrstöpsel und schallabsorbierende Schaumstoffplatten, aber nichts half gegen diese quälende Katzenmusik. Der dumpfe Bass, der sich vibrierend ausbreitete, langsam in meinen Körper schlich und an meiner Konzentration nagte, war alles andere als angenehm. Es brachte meinen Herzschlag aus dem Rhythmus und das wiederum ließ Panik in mir anschwellen. Meine Mitbewohnerin musste mit elf Stichen genäht werden und ich verbrachte eine Nacht in der Untersuchungshaft. Aber das kann mir nicht mehr passieren, denn ich habe die perfekte Lösung für mich gefunden. Seit einigen Wochen habe ich das Kochen für mich entdeckt. Gulasch, Chili con Carne, Klopse und vieles mehr. Neben dem Spaß, den ich damit habe, ist ein weiterer Vorteil, dass ich durch die Selbstversorgung eine Menge Geld einspare. Ich vermisse das Lieferessen nicht oder Restaurantbesuche. Während ich die vorbereiteten Klopse ins kochende Wasser gebe, klingelt es an der Tür.

Vor mir steht eine meiner Nachbarinnen. Ihre rot umrandeten Augen und das Schniefen in ein Taschentuch verraten mir schnell, dass sie nicht hier ist, um Höflichkeiten auszutauschen. Ich starre sie an und warte, aber anstatt etwas zu sagen, bricht sie in Tränen aus. Mit Gefühlsausbrüchen jeglicher Art kann ich nicht umgehen. Ich weiß nie, wie man darauf angemessen reagiert.

„Kann ich helfen?“, brumme ich.

Sie nickt und versucht sich zu sammeln. „Ha … ha … haben Sie Micha, meinen Mann gesehen?“

Langsam schüttle ich den Kopf, dann versuche ich ein mitfühlendes Gesicht aufzusetzen.

„Er ist seit Tagen nicht nach Hause gekommen.“ Ihr Stimme bricht nach jedem Wort.

„Tut mir leid“, gebe ich zurück. Da sie keine Anstalten machte zu gehen, erkläre ich ihr, dass ich gerade Essen auf dem Herd habe.

Sie nickt. „Das riecht sehr gut. Entschuldigen Sie die Störung.“ Mit diesen Worten wendet sie sich ab und geht.

Kopfschüttelnd laufe ich zurück in die Küche. Dass sie diesen Scheißkerl überhaupt vermisst, ist mir ein Rätsel. Wie oft konnte ich schon beobachten, wie respektlos er mit ihr umgegangen ist? Öfter als mir lieb war. Ein weiterer Piepton kündigt eine Nachricht an. Ich wische mir die Hände an einem Geschirrhandtuch ab und schaue auf das Display.

Schatz: Micha, wo bist du? Komm doch bitte nach Hause!

Gute Nachricht für meine Nachbarin: Micha wird nie wieder zurückkommen. Er hat einmal zu viel seine Hand gegen sie erhoben. Ich beobachte lächelnd die brodelnden Klopse und hoffe, dass Micha, wenn er schon zu Lebzeiten ein Arschloch war, wenigstens schmeckt.

Guten Appetit!

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