Diese Geschichte schrieb @katharina.holt_autorin Familie/Liebe/Drama

Lebensstufen

„So, und jetzt dürfen Sie hier Platz nehmen, Frau Draxler. Dann schweben Sie quasi mit uns die Treppe hinunter.“ So ein Unsinn. Wieso sollte jemand über eine Treppe schweben? Wer ist überhaupt diese Frau Draxler? Wenn sie zwei gesunde Füße hat wie ich, soll sie doch laufen. Dieser junge Mann hat wohl keine Ahnung, wie man eine Treppe benutzt. Meine Linke lege ich auf dieses Ding aus Holz. Er fasst meinen rechten Arm an. „Lass‘ das, Walther“, herrsche ich meinen Bruder an. „Ich bin schon immer alleine hier hinuntergegangen!“ Aus der Küche höre ich Geschirrklappern. Meine Schwester Leni spielt noch in ihrem Zimmer. Gleich gibt es Abendessen. Erste Stufe. Ich hole Luft. Meine Beine fühlen sich schwer an, wie diese Figuren vom Walther… „Mama“, rufe ich laut. „Ich bin ein Zinnsoldat!“ Mama antwortet nicht. Zweite Stufe. Plötzlich ist es ganz still. Dritte Stufe. Hinter mir eine Stimme. Ein junger Mann steht neben mir. Vierte Stufe. „Ja, Walther, ich komm‘ ja schon zum Essen. Aber die Leni, die spielt noch oben.“ Fünfte Stufe. Vor mir breitet sich eine grüne Wiese aus. Tief atme ich den Duft der vielen Blumen und Kräuter ein. „Kommen’s, Frau Draxler.“ Die Wiese verschwindet. Ich will rufen, dass sie dableiben soll, und strecke meine Arme aus. Da sind Stufen unter mir. An ihrem Ende steht eine Frau. Die schaut aus wie die Leni. Meine Füße setzen sich in Bewegung. Sie steigen weiter hinab. Ein junger Mann hält mich am Arm. Die Frau sagt „Gut so, Mama, gleich hast du es geschafft.“ Warum sagt die Leni Mama zu mir? Ich lächle sie an. Mein rechter Fuß tritt ins Leere. Meine kleine Schwester fängt mich auf. „Hoppla, Mama“, ruft sie. „Aber Lenerl, ich bin’s doch, die Ilse, erkennst mich nicht?“ Da fängt das Lenerl an zu weinen. Ein junger Mann schiebt einen Stuhl her. Der hat so Sachen unten dran, damit er fahren kann. Ich bin so furchtbar müde und setze mich einfach hinein. Es schaukelt ganz lustig. Die Luft riecht nach Isar. Wir fahren auf einem Floß. Mein Bauch tut weh. Da ist Wasser in meinem Gesicht. Es läuft mir in den Mund und schmeckt nach Salz. Wenigstens sitzt die Leni jetzt neben mir. „Gleich sind wir daheim, Mama“, flüstert sie. Ich weiß nicht, warum sie ständig von der Mama redet, wo die doch gar nicht da ist. Meine Augen fallen zu.