Diese Geschichte schrieb rolandknecht.ch @roland_knecht_richterswil Krimi

Kein Stümper

Das Teppichmesser gleitet blitzschnell von einer Seite des Halses zur anderen und legt mit einem sauberen, präzisen Schnitt die Kehle frei. Ein Blutschwall quillt aus der Wunde. Der Fluch »cazzo« geht in einem Gurgeln unter. Ein fernes Jaulen erstickt in einem Winseln.

Salvatore Rizzi, kurz Salvi genannt, wacht auf. Er hat sich nicht erschrocken ob des Traums. Sie sind alte Bekannte und treffen sich ein- bis zweimal die Woche. Dass darin ein Messer zur Teppichbearbeitung eine Hauptrolle spielt, ist dem Umstand geschuldet, dass ein solches Werkzeug Salvi bei seiner Arbeit begleitet hat. Er galt als Meister in der Handhabung dieses unverfänglichen Geräts und als erste Wahl bei all jenen, deren Geschäfte es hie und da verlangten, dass eine lästige Person vorschnell und auf unnatürliche Weise das Zeitliche zu segnen hatte. So ist es gekommen, dass Salvis Auftragslage nie Grund zur Sorge gegeben hat und er von seinen Einkünften hätte feudal leben können, doch bis in den heutigen Tag hinein ist er unauffällig geblieben und stets bescheiden aufgetreten.

Salvi starrt ins Dunkel, hält den Atem an und lauscht. Da ist nichts. Wie immer. Ob der Traum eines Nachts davonschleichen und nie mehr zurückkehren wird? Es ist Jahre her, seit er das Messer an den sprichwörtlichen Nagel gehängt hat. Er schiebt das Laken beiseite, setzt sich auf und schlüpft in seine Pantoffeln. Die hat er, wie jeden Abend vor dem Schlafengehen, fein säuberlich auf dem Teppich neben dem Bett drapiert. Schlurfend sucht er die Küche auf. Bevor er die Hand auf die Klinke legt, hält er nochmals den Atem an und horcht. Eine kauzige Angewohnheit. Unnötig. Die Hunde schlagen an, sobald jemand seinem Grundstück zu nahe kommt und im Haus wacht eine Alarmanlage, an deren Ausgestaltung er selber mitgewirkt hat.

Es war Salvis Tätigkeit gewesen, die von ihm verlangt hatte, wachsam und gleichzeitig diskret zu bleiben. Er hatte sich wie ein Seiltänzer bewegt und es stets vermieden, Rasierwasser aufzutragen oder parfümierte Seife zu verwenden. Zurückhaltung war seine Maxime gewesen. Keines der Opfer hatte ihn je bemerkt, bevor er das Messer angesetzt hatte. Zudem, die Klinge, die den Durchgang vom Dies- zum Jenseits in Sekundenbruchteilen auftat, wurde von routinierter Hand geführt. Salvi war darauf bedacht gewesen, dass seine Opfer schmerzlos und mit höchstens einem letzten Gedanken im Kopf oder einem letzten Fluch auf den Lippen das Hier und Jetzt verließen. Ja, er hatte seinen Beruf in Würde und mit Sorgfalt ausgeübt. Frühzeitig in Pension hatte Salvatore Rizzi gehen müssen, weil einer seiner Kunden sich zu penibel an die Regeln der Buchführung hielt. Dieser vermerkte neben Datum und Betrag auch Name und Telefonnummer derjenigen Person, die er entlohnte. Als jener Pedant das Opfer einer Razzia geworden war, fand sich Salvis Name im Sog dessen Geschäftstätigkeit wieder. Salvi hatte Glück im Unglück gehabt. Die Eintragungen enthielten keinen Vermerk über die Art der Dienstleistung, zudem hatte die Staatsanwaltschaft seine Mitarbeit gesucht und sich für die Kooperation mit einem Zeugenschutzprogramm fernab der Heimat bedankt. Mit dem Ersparten, das er sicher verwahrt und den Beamten selbstredend vorenthalten hatte, ließ es sich im Exil aushalten.

Salvi greift zum Glas, das er nach dem Abendessen zum Trocknen neben das Spülbecken gestellt hat, öffnet den Kühlschrank und gießt sich Wasser ein. Er macht einen Schritt ans Fenster, spreizt mit Daumen und Zeigefinger die Lamellen der Jalousie auseinander und späht in den nächtlichen Garten. Die Nacht ist schwül und der Mond leer, doch die Schatten seiner Hunde, die reglos unter einer Platane liegen, sind deutlich zu erkennen. Mit einem Klick, der an das Spannen einer Pistole erinnert, schnellen die Aluminiumflügel des Rollos in ihre Ausgangslage zurück. Salvi tritt vom Fenster weg und setzt zu einem Schluck an. Im selben Augenblick legt sich kühles Leder auf seine Stirn und die Hand, die das Glas gehalten hat, öffnet sich. Salvi vernimmt noch das Klirren von Scherben, doch es scheint wie in Watte gepackt. Eine angenehm warme Feuchte macht sich auf seiner Brust breit.

Ob Salvis Meuchler ebenfalls mit einem Teppichmesser zu Gange war, bleibt im Dunkeln, aber hätte Salvi genauer hingeschaut, hätte er bemerkt, dass das, was er für die Schatten seiner Hunde gehalten hatte, in Wirklichkeit Blutlachen waren, gespeist von durchtrennten Halsschlagadern.

Immerhin kein Stümper, musste Salvis letzter Gedanke gewesen sein.

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