Diese Geschichte schrieb manuel-konsik.de @Manuel.Konsik.Autor Liebesgeschichte

Davor

Der Weg ist mühsam. Die steile Böschung hinauf, dann habe ich es geschafft. Zuvor ging es Ewigkeiten durch den Wald. Durch dichtes Gestrüpp und hartes Geäst. Meine Unterarme sind von Dornenrissen gezeichnet. Die Hitze der Mittagssonne hinterlässt Spuren. Schweiß auf meiner Stirn, mein Atem stockt. Mein Herz ist schwer. Es pocht, doch es ist nur ein Schlagen in meiner Brust. Das wahre Gefühl von Seelenschmerz treibt mich an und zieht mich zugleich zurück, als wechseln sich ungleiche und gleiche Magnetpole ab.

Früher, in jener Zeit davor, war der Weg nicht so beschwerlich. Als nur Liebe war und alles so einfach und leicht schien, und ich mich frei fühlte und flog, wie die Schwalbe im Frühling – hoch und höher.

Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich mein Ziel erreicht. Endlich oben. Dort, wo die Luft deutlich dünner ist. Wie am Höhepunkt einer jeden Liebe von wo es nur noch bergab gehen kann, weil die Gefühle nicht mehr genügen, da das Leben überhandnimmt, wie die Wahrheit der eigenen Gedanken.

Ich verharre, japse nach Luft und warte, dass sich mein Puls beruhigt, während ich hinübersehe. Das Viadukt verbindet die beiden Seiten. Der erste Schritt fällt mir schwer. Die Wehmut schwingt in mir und über mir das Damoklesschwert.

Warum begreifen wir meist erst zu spät?

Ich gehe und setze bedacht einen Schritt vor dem nächsten, meinen Ballast bei mir tragend. Die schwere Last werde ich nicht los. Ich kann sie nicht abschütteln und hinter mir lassen. Nicht einmal heute, nach der Zeit nach davor.

Gewiss ist es der Mensch, der Brücken baut und er ist es, der sie zum Einstürzen bringt. Doch erst jetzt wird mir die wahre Bedeutung bewusst. Auch ich schlug die Verbindung zu dir und mir.

Auf der Hälfte verharre ich. Ich stehe auf der Brücke, zum hundertsten Mal und blicke hinab in die bodenlose Schlucht. Tief unter mir fließt der Bachlauf. Ich bewundere ihn, wie er nie stillsteht. Er strömt unaufhörlich, lebt jederzeit und nichts hält ihn auf. Bis zu seiner Mündung und ewig darüber hinaus.

Eine sanfte Brise zieht durch die Bäume und lässt sie tanzen. Die Tannen wiegen sich im Wind, als greifen sie meine Traurigkeit auf. Der Boden unter mir bewegt sich leicht und ich erkenne, die Liebe ist ein Drahtseilakt.

Wie oft standen wir zwei hier oben gemeinsam und waren über allem?

Noch immer spüre ich deinen Kuss auf meinen Lippen. So sanft und warm. Voller Liebe und Wärme. Wir schenkten uns einander und hatten alles, doch ich war nicht stark genug.

Warum, frage ich mich, begreife ich erst jetzt was wir hatten, was wirklich wichtig ist? Wir waren eins und voller Gefühl. Mehr hat es nicht gebraucht. Und doch wüteten in mir die Konventionen der Vergangenheit von Generationen von davor. Das Erbe meiner Eltern lastet noch immer auf meinen Schultern.

Es ist nicht die Frage, ob du zu stark für mich warst oder ich zu schwach in mir.

Wer bin ich? ist die Frage des Mannes der Gegenwart. Mit dir konnte ich mich nicht messen, ohne an dir zu zerbrechen. Heute weiß ich, dass es nie darum ging. Wir hatten einander und waren einander genug. Warum konnte ich nicht loslassen und mein Ego überwinden?

Ich reibe mir die Augen. Die Sonne glitzert auf dem Tränenfilm und zeigt ein grelles, buntes Spektrum an Farben. Deutlich hebt sich der Rotton ab. Ich erkenne es. Ich würde es überall erkennen. Dort unten liegt dein rotes Tuch, das du immer trugst, wenn wir uns sahen.

Ich will zu dir. Ich muss zu dir. Für immer.

Noch einmal werde ich dich nicht verlieren.

Ich überwinde die Brüstung und …