Diese Geschichte schrieb @maro_pixandstories Liebesgeschichte

Verstrickt

Süßes Frühstück gäbe es bei ihm. Das war mir egal.

Den Tag wollte ich mit ihm verbringen, und die Nacht, und den nächsten Morgen.

Das war mir klar, als ich ihn das erste Mal auf dem Bahnsteig sah, unsicher wie er dort stand, angestrengt nach dem Blind Date Ausschau haltend.

Meine Kameradin, die mein Jammern über zu wenig Kontakte nicht mehr hören mochte, hatte das Treffen arrangiert mit den Worten:

„Tom ist nett, ein bisschen schüchtern vielleicht.“

In meinem Walkman-Kopfhörer spielte One Summer Dream von Elo, ein melancholisches Lied, passend für diese spätsommerliche Stimmung. Den Abschiedsgedanken darin überhörte ich, als ich auf Tom zuging und wir uns wortlos anschauten. Und dann streckte er die Hand aus und stellte sich lächelnd vor.

„Silvana“, erwiderte ich.

„Ungewöhnlicher Name.“

Ich nickte dazu, die Diskussion um meinen Vornamen wollte ich heute nicht führen.

Die Augen in dem sommersprossigen Gesicht untersuchten meine, ohne zu blinzeln.

„Wollen wir gehen?“ Ich musste meine Unruhe in Bewegung umsetzen und diesem Blick ausweichen.

Zielloses Umherwandern sei meine Lieblingsbeschäftigung, erklärte ich. Sein Schmunzeln ließ mich grinsen und ein Hauch Wärme breitete sich in mir aus.

Er zeigte mir sein Stadtteil, die Lieblingsstelle am Fluss, wir saßen in kuscheligen kleinen Cafés, uns eher anschauend als sprechend. Mich drängte es ihn anzufassen, unterließ es, denn ich konnte seine Körperspannung nicht deuten.

Mit dem schwindenden Tag kam ein warmer duftgesättigter Wind, der zeitgleich Traurigkeit mitbrachte und mich einhüllte. Dieser Sommerabend wirkte wie ein Droge auf mich und ließ mich an Dinge denken, die ich noch nicht einmal aussprechen konnte.

Ich musste ihn verlassen, was mir von Stunde zu Stunde schwerer fiel. Tom schien den Tag auch nicht beenden zu wollen.

„Bleib bitte, es gibt Croissants zum Frühstück und Kastanienblütenhonig.“

Ich konnte, durfte, nicht bleiben, nichts wäre mir lieber gewesen als Croissants mit ihm in den Milchkaffee zu krümmeln, obwohl ich diese Plunderteilchen noch nicht einmal gern aß.

Tom begleitete mich noch zum Bahnhof, drückte mich zögerlich und murmelte was von Wiedersehen. Ja, unbedingt, wollte ich schreien, sagte aber ganz sittsam „Ja, gern.“

Papa wartete mit laufendem Motor an der Endstation, seine Wut konnte ich am Vibrieren des Motors spüren.

„Wo warst du so lange?“

Es war 11 Uhr, nicht gänzlich dunkel, und volljährig war ich auch, erwiderte ich möglichst ruhig.

„Deine Mutter macht sich immer Sorgen, das weißt du genau!“

Ja, das wusste ich. Und genauso, dass er das gerne zum Anlass nahm mir jeden Kontakt, vor allem männlichen, madig zu machen.

„Außerdem musst du noch packen. Morgen früh um vier geht es los.“

Das hatte ich fast vergessen, es ging in die Heimat, ein Cousin zweiten Grades heiratete. Die Einladung durfte man nicht ausschlagen, sonst war die gesamte Sippe beleidigt.

Insgeheim hoffte meine Familie, dass ich dort jemanden treffe, den ich heiraten möchte. Heiraten!

Erwachsen werden war zunächst mein Ziel, alleine leben und zurechtkommen. Aber auf diesem Ohr waren meine Eltern taub.

Den gesamten Weg über dachte ich an Tom und seine Croissants. Seine Einladung zum Frühstück war sehr reizvoll, ich konnte nicht umhin als vor mich hinzuträumen. Da ich als Beifahrerin meist schlief, fiel Papa mein Lächeln nicht weiter auf.

Die Hochzeit war üppig und das ganze Dorf war zugegen. Als junges „Fräulein“ wurde man zwar nicht mehr herumgereicht wie in der Kindheit, dennoch überschlugen sich alle Tanten und Cousinen mit Komplimenten, die den Unterton enthielten, dass es nun an der Zeit wäre sich häuslich einzurichten und wie schön meine Babys ausschauen würden. Flugs hatte ich diverse Säuglinge in den Armen. Natürlich wurden gewissenhaft Fotos geschossen, als Beweis, dass mir das Muttersein sehr gut zu Gesicht stünde.

Das frische Ehepaar verabschiedete sich bald in die Flitterwochen.

Wie in einer Telenovela kam, was kommen musste, wenige Tage später verstarb die Oma der Braut unerwartet, und unsere Heimfahrt verzögerte sich.

Trotz der Trauer dachte ich immer wieder an Tom und dass er vermutlich enttäuscht darüber war, dass ich mich nicht meldete.

Ich drängte auf die Heimfahrt, aber mein Papa warf mir vor, unsensibel und egoistisch zu sein.

Nach der Beerdigung fuhren wir heim. Nach Tagträumen war mir nicht mehr, ich dachte nach.

Wir kamen in aller Herrgottsfrühe an, ich rannte übermüdet zum nächsten Bäcker und kaufte eine Tüte Croissants.

weitere Geschichten zu diesem Bild