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Das letzte Stück

Inga Hoffmann ist in der Kanzlei Zingler und Wecker beliebt. Vor allem, weil sie alljährlich zu ihrem Geburtstag die beste Schokoladen-Birnen-Torte mitbringt, die der Kollegenkreis jemals gegessen hat.

Das gilt besonders für die Anwälte Kunze und Dröhmel, die sich bei der gemeinsamen Feier bereits jeweils eine doppelte Portion sicherten. Nun schleichen sie erneut aus ihren Büros zur Teeküche, wo das letzte Stück der Torte neben dem „Bitte bedienen Sie sich!“-Schild wartet. Offenbar hatten alle anderen Skrupel, den finalen Schritt zu machen.

Nicht so Kunze und Dröhmel. Beide Herren entdecken es zugleich.

„Herr Kunze.“

„Herr Dröhmel.“

Ein Western ist nichts gegen dieses Duell.

Dröhmel zieht zuerst. „Ich nehme an, wir sind aus demselben Grund hier?“

„Sie nehmen richtig. Aber die Torte nehme ich.“

Früher hieß das noch ‚In dieser Stadt ist nicht genug Platz für uns beide‘.

Dröhmel hat keine Zeit, darüber nachzudenken. „Mit welchem Recht?“

„Ich war zuerst hier.“

„Wir waren gleichzeitig hier.“

„Nein.“ Kunze hätte gern schwungvoll in einen Metalltopf gespuckt, um dem dünnen Argument scheppernd Nachdruck zu verleihen.

„Doch.“ Dröhmel kontert ähnlich eloquent.

„Beweisen Sie’s.“

„Beweisen Sie das Gegenteil.“

Beide können weder das eine noch das andere, also denken sie nur angestrengt nach.

„Wir könnten teilen“, schlägt Kunze vor.

Auf die Friedenspfeife müssen sie verzichten. Rauchverbot in Innenräumen.

„Wir sind kein Kindergarten“, echauffiert sich Dröhmel. „Wir finden eine gerechte Lösung.“

„Wieso ist eine Teilung nicht gerecht?“ Kunze kann nicht folgen.

Dröhmel beugt sich vor. „Die Birnenstücke sind unregelmäßig eingearbeitet!“

Potztausend, damit war nicht zu rechnen.

Kunze lacht hämisch auf. „Wollen Sie das Stück sezieren?“

„Machen Sie sich nicht lächerlich!“

„Ich passe mich Ihnen an.“

„Hm.“ Dröhmels Blick fällt auf den Wandkalender, blitzschnell legt er sich eine Strategie zurecht. Erfahrung zahlt sich aus!

„Ich arbeite länger hier“, stellt er fest. „Ich plädiere auf Gewohnheitsrecht.“

Kunze ist unbeeindruckt. „Bekommen Sie immer das letzte Stück?“

Dröhmel zögert. „Ja …“

„Sie lügen.“

„Beweisen Sie’s!“

„Letztes Jahr hatte ich das letzte Stück.“

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt!

„Sie?“ Dröhmel blickt drein, als hätte man ihm den Hut vom Kopf geschossen.

„Ich.“ Kunze jongliert lässig einen imaginären Colt. „Damit plädiere ich auf Gewohnheitsrecht.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich!“

„Ich passe mich Ihnen an.“

„Hm.“ Dröhmel fühlt sich im Wilden Westen nicht mehr wohl. Die staubigen Straßen, die unbequemen Stiefel … Er bevorzugt Echtholzparkett und italienische Halbschuhe. Außerdem könnte ein Espresso Tonic nicht schaden. Sein Gegner erfordert seine gesamte Konzentration.

Zum Glück liegt Plan B immer bereit. „Wie wäre es mit einem Deal?“

„Nämlich?“

„Ich bekomme das Stück dieses Jahr, Sie nächstes. Und dann immer abwechselnd.“ In Dröhmels Augen ist das fair.

„Wie großzügig.“ Kunze sieht das anders. „Gegenvorschlag: Ich dieses Jahr, Sie nächstes.“

Dröhmel überlegt. „In dem Fall wäre ich nach Abwägung aller Optionen bereit, fair zu teilen.“

„Wie großzügig.“ Kunze scheint unbeeindruckt. „Wir teilen mit einem Längsschnitt.“

„Gut.“ Dröhmel kehrt zur Souveränität zurück. „Ich schneide.“

„Und ich sage, wo.“

„Ich bin durchaus in der Lage, gerecht zu teilen.“

„Wir zeichnen eine Skizze“, entscheidet Kunze.

„Was erlauben Sie sich?“

„Sie erlauben?“ Kunze greift zu einer Serviette, zückt seinen Kugelschreiber und zeichnet ein langgezogenes Dreieck. „Auch wenn Sie sich angesichts Ihres Anzugs offensichtlich nicht mit Schnittmustern auskennen, möchte ich Sie bitten, den Schnitt wie folgt anzusetzen.“

Er zieht eine Linie durch das Dreieck. „Von der Spitze zur Mitte des Rands.“

„Halten Sie dann den Rand?“ Dröhmel klingt beleidigt. Noch ein falsches Wort und …

„Äh, kann ich hier wischen?“ Ein Mitarbeiter der Gebäudereinigungsfirma kommt mit seinem Mopp ums Eck.

„Nicht jetzt!“, herrscht Dröhmel ihn an. „Sie werden ja wohl zwei Minuten Pause machen können.“

„Klar.“ Der junge Mann lehnt sich achselzuckend an die Küchenzeile.

„Sie wollen das jetzt in zwei Minuten klären?“, zweifelt Kunze. „Das glauben Sie doch selbst nicht!“

„Wissen Sie schon wieder besser, was ich glaube?“

„Das können Sie mir glauben!“

„Ich glaub’s ja nicht!“

Für eine Sekunde herrscht Stille, abgelöst durch ein Geräusch, das verdächtig danach klingt, dass jemand in ein Stück Schokoladen-Birnen-Torte beißt.

Kunze und Dröhmel sehen alarmiert auf. Ihre fassungslosen Blicke wandern zur Küchenzeile.

„Lecker!“ Der Gebäudereiniger nickt herüber.

„Was. Machen. Sie. Da?“, ächzen Kunze und Dröhmel unisono.

„Pause.“ Der junge Mann stopft sich den letzten Bissen in den Mund und greift zu seinem Mopp. „Kann ich dann?“

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