Diese Geschichte schrieb wolfsgedanken.de @wortgeschmeide Drama

Eiswasser

Ein letztes Mal öffne ich die Tür zu meiner Vergangenheit. Ich habe mir bewusst eine Zeit ausgesucht, in der die anderen nicht zu Hause sind. Nach allem was passiert ist, erscheint mir ein heimlicher Rückzug unvermeidbar. Meine Eltern haben bereits die Kündigung meines Zimmers eingereicht.

Im Flur bemerke ich den abgestandenen Geruch, eine Mischung aus kaltem Rauch und verwesenden Essensresten. Übelkeit steigt in mir hoch. Als ich mich in diesen vier Wänden noch ungebremst austobte, war mir der Gestank nie aufgefallen, genauso wenig wie die extreme Unordnung.

Im Flur stapeln sich die Überbleibsel des vernichteten Alkohols. Irgendwie waren wir alle besser im Nachschub besorgen als im Wegschaffen des Altglases. Ich öffne ein Fenster in der Küche. Der Müllsack steht schon seit Wochen unter der Spüle. Auf dem Tisch liegt eine verschimmelte Pizza Hawaii. Ich bin entsetzt, dass ich mich in dieser Bruchbude jemals wohlgefühlt habe.

Im Wohnzimmer sehe ich noch die Überreste der letzten Party. Überfüllte Aschenbecher und aufgereihte Bierflaschen sind die einzigen Accessoires in diesem kargen Raum. Was hatten wir nicht alles an Dekorationen geplant, und am Ende kam immer irgendein Rausch dazwischen.

Ich setze mich einen Moment auf den Balkon. Selbst hier steht noch eine leere Flasche herum. Umsäumt von Grünpflanzen wirkt sie unschuldig. Die Sonnenstrahlen spiegeln sich im Glas. Ich muss an den Tag meines Einzugs denken, als ich noch das biedere Landei war, das in der großen Stadt sein Glück suchte. Mir wird bewusst, dass meine Eltern noch gar nicht die ganze Wahrheit kennen. Ich denke augenblicklich an das Erlebte zurück.

Am letzten Freitag betrat ich frustriert die WG. Mein Ausbilder hatte mir gekündigt, weil ich wiederholt angetrunken zur Arbeit erschien. Ich hatte mir an diesem Abend fest vorgenommen, darüber nachzudenken, wie es mit mir weiter gehen sollte. Doch die anderen waren gut gelaunt. Sie überredeten mich, die Sorgen wenigstens bis Montag beiseitezuschieben. Nach dem dritten Bier und einem Joint hatte ich die Kündigung vergessen.

Das Wochenende war eine einzige Ekstase. Wir waren hemmungslos und durchtrieben. Vier junge Frauen, die ihre Reize gekonnt in Szene setzten. Die Männer rissen sich darum, uns Getränke zu spendieren. Uns gehörte die Welt. Zumindest bis wir am Sonntagmorgen in die Realität zurückkehrten.

Ich weiß nicht mehr, wer auf die unsinnige Idee gekommen war, auf unser Dach zu steigen. Jeder im Haus wusste, dass die obere Tür offen stand. Ich kann noch unser Gekicher hören. Wir alle hatten diverse Pillen mit Wodka heruntergespült. Und so lachten wir immer noch, als Marie auf die Brüstung stieg. Keiner konnte begreifen, was in diesem Augenblick geschah. Irgendwer feuerte sie lautstark an.

Die junge Frau, die mir in den letzten Monaten so ans Herz gewachsen war, schaute zu uns herüber und sagte:

„Wisst ihr eigentlich, dass ich fliegen kann? Ich bin ein Engel, der auf den Wolken geht und den Regenbogen hinunterrutscht.“

Bei ihren Worten lachte keiner mehr. Ich weiß noch, dass ich Marie entsetzt anstarrte. Ich schrie laut, als sie sprang.

Die Stunden danach waren wie ein Film in Slow Motion. Ich fühlte mich, als würde ich ertrinken. Im Drogenwahn sah ich unsichtbare Hände, die meinen Kopf unter Eiswasser drückten. Erschreckend real durchzog ein stechender Schmerz meine Lungen. Doch, bevor ich unterging, sah ich blaues Licht und hörte die Stimme meiner Mutter.

„Luisa, was ist nur mit dir passiert? Das andere Mädchen ist tot, und du hast Alkohol und Drogen im Blut. Liebes, bitte rede mit mir.“

Mir wird heute klar, dass Maries Selbstmord, und die Worte meiner Mutter die Rettung waren. Das Leben in dieser Wohnung schien meine Flucht aus dem Spießbürgertum zu sein. Doch erkannte ich zu spät, wie gefährlich ungezügelte Freiheit für einen jungen Menschen werden kann.

Ich lege die Schlüssel auf den Küchentisch und wünsche mir still, dass auch die anderen beiden ihr Dasein überdenken. Mein Vater nimmt mir im Hausflur die Koffer ab. Offensichtlich hat er die ganze Zeit auf mich gewartet. Ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus, als ich die Tür zu dieser Vergangenheit für immer schließe.

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