Diese Geschichte schrieb monika-luethi.com @monika.schreibt Drama

Die lebensrettende Operation

Immer diese pappigen Brötchen. Jeden Morgen gibt es dieselben zum Frühstück, ich kann sie nicht mehr sehen. Ich kann das alles hier nicht mehr sehen. Die Apparate, die Ärzte, Eliah im Gitterbett wie in einem Gefängnis. Er schläft, fast zweiundzwanzig Stunden pro Tag, wacht nur auf, um zu trinken und gleich wieder erschöpft einzunicken. Nur letzte Nacht durfte er nichts haben. Ich lasse die Brötchen stehen, würde ohnehin nichts hinunter bekommen, und stelle mich an Eliahs Bett. Mit dem Verband um den Kopf sieht er aus wie ein Rennfahrer, nur das Gesicht liegt frei.

»Damit er den Zugang nicht hinausreißt«, erklärte die Krankenschwester.

Er lächelt im Schlaf und ich mit ihm, obwohl meine Mundwinkel sich gegen die ungewohnte Bewegung sträuben. Selbst wenn er wach gewesen wäre, hätte er nicht mich, sondern nur eine grüne Maske über Mund und Nase gesehen. Eine andere Krankenschwester weist mich an, Eliah das Operationshemd anzuziehen. Nun ist es also soweit. Vorsichtig hebe ich ihn aus dem Bett, damit er nicht merkt, wie ich ihn in ein Hemd stecke, in das er dreimal hineingepasst hätte. Damit er nicht mitbekommt, wenn er in den Operationssaal geschoben wird. Damit das letzte Gesicht, das er sieht, das seiner Mama ist.

Ich schalte die Wärmelampe ein und warte einen Moment, bis die Hitze den Wickeltisch erreicht. Ich lasse mir Zeit, ihm den Schlafanzug auszuziehen, berühre sanft seine Brust, seinen Bauch und seine Beine. Langsam drehe ich ihn auf die Seite, befreie einen Arm aus dem Ärmel, dann den anderen. Als er nur noch mit einer Windel bekleidet vor mir liegt, atme ich zitternd aus. Ich lege meine Hand auf seine Brust und spüre jede einzelne Rippe. Dort, wo Babyspeck sein sollte, ist nur gräulich gefleckte Haut. Eliah verschwimmt vor meinen Augen.

Reiß dich zusammen!

Ich blinzle die Tränen weg. Diese Operation ist Eliahs einzige Chance. Mit nur einer Herzkammer kann er nicht überleben. Trotzdem ist der Gedanke, wie sein Herz stillgelegt wird und eine Maschine seine Funktion übernimmt, schier unerträglich. Was, wenn es nicht mehr zu schlagen beginnt? Es sei eine Routineoperation mit geringem Risiko, haben die Ärzte gesagt. Fünfundneunzig Prozent Erfolgsrate. Ich sehe nur die anderen fünf Prozent. Meine Schultern beben, während ich still weine.

Ein schrilles Geräusch ertönt. Schnell greife ich über meinen Kopf und suche den Ausschaltknopf der Wärmelampe, doch es ist zu spät. Eliah streckt seine dünnen Beine und Arme durch und verzieht das Gesicht. Fragend schaut er mich mit tiefschwarzen Augen an. Schnell knöpfe ich das Operationshemd zu und nehme ihn auf den Arm. Seine vorwitzige Zunge schaut hervor. Er hat Hunger und ich darf ihm nichts geben.

Noch dreißig Minuten. Ich setze mich hin und halte Eliah fest. Ganz genau versuche ich mir einzuprägen, wie er sich anfühlt, wie er riecht. Um mehr zu haben als die Handyfotos, um mich an ihn zu erinnern, falls er zu den fünf Prozent gehören sollte.

»Sind Sie die Mutter von Eliah?«

Jetzt ist es soweit. Eliah wird abgeholt. Trotzdem bewegt sich mein Körper nicht von der Stelle. Die Sekunden vergehen. Eliahs Herz ist ganz nah bei meinem.

»Frau Müller?«

Ich nicke, stehe endlich auf und presse meinen Sohn an mich. Doch vor mir steht kein Mitarbeiter des Transportdienstes, wie ich erwartet habe, sondern ein Arzt.

»Es tut mir leid, die Operation findet nicht statt.«

»Wie bitte?«

»Vor zwei Stunden wurde ein Notfall eingeliefert. Das Bett auf der Intensivstation ist bereits belegt.«

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