Diese Geschichte schrieb geschichtszauberei.wordpress.com @cully_de Dystopie

Die Träume bleiben

Ich lag auf dem Rücken. Der Boden war hart und kalt. Die Sonne ging auf. Tief durchatmend versuchte ich den Stacheldraht im Vordergrund zu ignorieren. Aber es gelang nicht. Erneut atmete ich schwer und erhob mich. Nicht lange und der Trubel würde losgehen.

Meine Knie schmerzten. Ich war schon zu lange hier. Die Arbeit war schwer. Es gab keine Hilfsmittel. Alles wurde per Hand geschlagen und getragen. Welches Jahr war es wohl? Als sie mich fingen, hatten wir 2023. Ich weiß nicht, wie viel Zeit jetzt schon vergangen war. Ich weiß nur, hier verlor man jegliches Gefühl. Gefühl für Zeit und Gefühl anderer gegenüber. Man wurde zu einer arbeitenden Hülle. Um die Lebensenergie aufrechtzuerhalten, wurden wir gut versorgt. Keiner musste Hunger leiden. Das Essen schmeckte nicht besonders, aber war nahrhaft. Egal. Hier hätte man auch an exklusivem Essen keinen Spaß. Denn Gefühle gab es nicht, nicht mehr. Ich glaube, sie mischen was ins Essen. Oder ins Wasser. Soviel Menschen geballt und keine Gefühle? Das war nicht normal.

Ich ließ meinen Kopf nach hinten in den Nacken fallen. Ich erinnerte mich. Seit dem großen Crash wurde es schlimmer und schlimmer. Es gab kein Geld mehr, keine Heizung, kein Strom. Am Anfang versuchte man sich noch gegenseitig zu unterstützen. Nur wenn der Hunger nicht mehr zu stillen war, dann war jeder Freund auf einmal dein Feind. Und so zog man sich immer weiter zurück.

Die Kinder weinten vor Hunger und Kälte. Dann kamen sie. Sie hatten gewartet. Lange gewartet. Die Soldaten. Am Anfang klopften sie noch an die Türen und boten Hilfe an. Sobald man die Türe geöffnet hatte, stürmten sie hinein. Viel Widerstand gab es nicht. Die Menschen waren zu schwach. Sie wurden in einen Transporter getrieben.

Ich hörte, dass sie in Lager gebracht wurden. Die Kinder wurden von ihren Eltern getrennt. Die Frauen und Männer ebenfalls voneinander. Familien wurden entzweit. Ohne Rücksicht auf die schreienden Kinder. Es musste furchtbar gewesen sein.

Dann sollen sie in Arbeitsgruppen eingeteilt worden sein. Je weniger man sich wehrte, umso besser die Arbeit. Aber ohne Vergütung. Angeblich sollte ein Band laufen, dass die Menschen hier ihr neues Leben annehmen sollten. Sie würden arbeiten, versorgt werden und nie mehr Sorgen haben um unbezahlte Rechnungen oder sonstigen Konsum. Klang gut, oder? Man bekam, was man benötigte. Essen, Kleider, Unterkunft. Nur kein Miteinander. Spaß und Geselligkeit waren untersagt.

Warum ich hier bin und nicht in bei einem leichten Job? Nun, ich war immer skeptisch.

Als die Soldaten an unsere Tür klopften, öffneten wir nicht. Wir schlichen mit unseren paar Habseligkeiten hinten hinaus und flüchteten. Es war beschwerlich, aber zu schaffen. Uns kam von anderen Flüchtlingen zu Ohr, dass es tief im Süden ein Refugium geben soll. Rebellen, wie sie genannt wurden, sollten dort ihren Unterschlupf haben. Bisher war dieser Unterschlupf uneinnehmbar. Bisher. Bis zu dem Zeitpunkt als wir auftauchten. Mit einem Maulwurf im Gepäck. Tja. Und so sind wir hier gelandet.

Im Arbeitslager. Gehirnwäsche inklusive. Einige von uns hatten Stand gehalten dachten sie. Sie planten und versuchten ein über das andere Mal zu fliehen. Es war sinnlos.

Wir würden es schaffen. Irgendwann. Irgendwann würden wir hier rauskommen und eine kleine Farm mit Tieren bewirtschaften. Die Gefühle konnten sie uns nehmen, aber die Träume – in den wir noch fühlen – die nicht.