Diese Geschichte schrieb @smilla_blau.buchsammlerin Humor

Nachbarschafts-Querelen

Nur damit Sie Bescheid wissen: ich ziehe um! Hier fühle ich mich nicht mehr willkommen. Seit die neuen Nachbarn eingezogen sind, hat sich alles verändert. Verstehen Sie mich nicht falsch. Äußerlich betrachtet ist es wie immer: die Fassadenfarbe in Butterblumen-Gelb, der überquellende Mülleimer halb verdeckt von der Spatzenhecke, der verblichene Kokos-Fußabstreifer. Gut, das Gras wird nicht mehr so oft gemäht. Eigentlich gar nicht mehr, wenn ich es genauer bedenke. Aber das ist in Ordnung. Ich schlafe tagsüber. Von einem Rasenmäher geweckt zu werden ist keine schöne Erfahrung. Meine Sinne sind exzellent, auch im Tiefschlaf. Aber dennoch. Beinahe wünsche ich mir das alles überdröhnende Geräusch zurück, vielleicht nicht mehr einmal in der Woche, aber ein zwei Mal im Jahr könnte ich damit leben. Lieber das, als diese Ignoranz, mit der ich täglich gestraft werde. Das hält eine sensible Seele nicht lange aus.

Wie würden Sie reagieren, wenn keiner Ihrer überaus höflichen Willkommensgrüße erwidert wird? Wenn jede kleine Nachricht, jeder freundliche Brief übergangen wird, als wäre es nichts. Weniger als ein Mückenschiss. Beim ersten Mal noch ein Blick, ein Nase-Rümpfen, ein etwas großzügigerer Schritt. Danach wird der Blick nicht mehr vom Bildschirm des Handys gelöst. Und meine Botschaft, nur noch ein verblassender, immer kümmerlicher werdender Haufen unbeachteter Empfindungen, bis sie vom Herbstregen weggewischt wird. Ein vertrocknetes Blatt im Wind bekommt mehr Aufmerksamkeit. So kann ich nicht leben.

Natürlich, es gibt auch Vorteile. Der Rasenmäher, davon hatte ich ja schon berichtet. Meine neuen Nachbarn bekommen auch weniger Post. Menschen, die Briefe austragen, konnte ich noch nie leiden. Viel zu unzuverlässig. Wer weiß schon, ob sie private Botschaften, finstere Geheimnisse, tiefe Liebesschwüre und überfällige Entschuldigungen nicht aus reiner Neugierde öffnen. Nein, nein, ich sorge lieber selbst dafür, dass meine Nachrichten ankommen und zwar auf den Millimeter genau dahin, wo ich sie platziert wissen will. Sie müssen wissen, das richtige Layout ist immens wichtig für akkurate Seelen wie mich. Wir werden oft unterschätzt, bestenfalls belächelt, oft verwünscht oder gar verfolgt. Wahrlich, wir führen kein leichtes Leben.

Der größte Pluspunkt ist das Auto, das nun auf der Straße parkt. Ein schnittiges Gefährt, tiefergelegt, mit ledernen Sitzen und beeindruckenden Auspuffrohren. Auf Hochglanz poliert, so dass ich mein Spiegelbild betrachten kann. Dazu hat unsereins kaum eine Gelegenheit. Wenn die Dunkelheit an ihrem schwärzesten Punkt angelangt ist, zwänge ich mich hinein, Nacht für Nacht und mache es mir im Inneren gemütlich. Ich muss sagen, die Ergonomie ist vorzüglich, einfach perfekt für meine Bandscheiben! Und genug Beinfreiheit habe ich auch. Es könnte nicht besser sein. Aber was nützt mir dieser Luxus, wenn ich seelisch verkümmere.

Deshalb habe ich meine Sachen gepackt. Es ist nur wenig, ich lebe schon seit Jahren minimalistisch. Unsereins ist oft gezwungen umzuziehen. Das liegt in unserer Natur. Da ist es praktischer, wenn man wenig bis nichts einpacken muss. Manchmal muss es schnell gehen. Der Kampf um geeigneten Wohnraum ist groß. Ein paar Sekunden können entscheidend sein. Aber dieses Mal werde ich mir Zeit nehmen und die Nachbarschaft beobachten, bevor ich mich vorschnell für eine der wenigen freistehenden Wohnungen entscheide. Ich werde probewohnen und Test-Botschaften platzieren: auf Fußabstreifern, vor Gartentoren, Fahrertüren, Treppenaufgängen und Terrassenplatten. Ich erwarte ein Naserümpfen, jemanden der zum Besen, oder wenigstens zur Schaufel greift und meine Nachrichten vorsichtig anhebt, damit sie heil bleiben, um sie dann im Gebüsch oder in der Mülltonne zu deponieren. Meist mit Schwung, manchmal aber auch ganz sanft.

Schön ist es, wenn dann noch ein paar Worte geäußert werden. Etwas Ansprache braucht doch jeder, auch ein einsamer Marder.