Diese Geschichte schrieben Autofiktion

Arbeitstier

Sich im Universum verlaufen

Tee mit der dunklen Materie trinken

in ein schwarzes Loch fallen

im Antiuniversum, dann:

ein Arbeitsanruf

*

Es war egal, was sie mit ihrem Bewusstsein machte. Ob sie es betäubte, es beschäftigte. Es in den Schlaf wiegte. Stets war es fiebrig, wenn sie über die Stirn strich; dann tupfte sie Schweißperlen ab, bevor sie Schneckenbahnen auf der Haut zogen. Oder in der Abendhitze verdunsteten.

Das Fürsorgliche lag ihr nicht, deswegen tat sie es nur selten. Stattdessen schabte sie an der Haut wie Wäsche am Waschbrett. Um Wäsche sauber zu bekommen, hatte man sie erst ausgekocht und dann gestampft. Erst danach kam das Brett. Aber auch das Waschen war nicht ihres, genaugenommen.

Also legte sie sich in Apathie und blieb.

Es änderte ja nichts. Es änderte alles nichts. Der Job, er war trotzdem da, immer. Schlich um ihr Bett wie eine Katze. Sprang hoch, setzte auf der Decke zum Milchtritt an. Am Morgen danach war alles voller Sabber. Sie drehte sich zur Seite und lag im kalten Rotz. Ihr schauderte.

Plakativ leuchtende Belustigungen flackerten am Horizont: Pauschalurlaub, ein Konzert, Kino mit einem Namenlosen, die neue Jacke. Doch um diese Fahrkarten der Freiheit bezahlen zu können, jene des Ausbrechens, des Querfeldeinlaufens, musste sie Tag für Tag den Käfig betreten, die Unfreiheit, die Zwangssituation. Ein Putzerfisch im krokodilsgierigen Zahnrad, Chaplinitis, chronisch, unheilbar, autoimmun. Sabber.

Tagebucheintrag:

Das lateinische Verb „laborare“ bedeutet „arbeiten“. In ihm steckt das ebenfalls lateinische Verb „orare“, das heißt „beten“. Man kennt die alte Mönchsregel „Ora et labora!“, die aus den Imperativformen besteht. Die Wortähnlichkeit macht mich nachdenklich. Ist Arbeit nichts weiter als eine Gebetsform, eine demütige Anbetung des Gottes Kapital, also der Metamorphose des biblischen Gottes Mammon? Lab-orare?

Kollegen jeglichen Geschlechts huschten umher, wirr, Ameisen gleich, hektisch, strebsam. Merkten die Last nicht, die sie trugen: „Mehr, mehr, gib mir mehr, ich schaffe das, ich bin stark, ich steige auf, klettere die Leiter nach oben, wieso sind die Sprossen morsch?“

Sie jedoch stand still, wenn überhaupt, nein, rutschte zurück, mochte nichts mehr tragen, mochte nicht wettkämpfen, mochte doch die Menschen – waren es Menschen? Ameisen mochte sie nicht. Ihr sich wiederholender Alltag verging sich an ihr.

Der Freund versuchte, sie aufzubauen. Selbst keine Ameise, aber auch kein Stillstandstyp. „Hey komm, wir machen etwas Schönes“ – „Und dann?“ – „Dann müssen wir schlafen, morgen ist ja wieder …“

Schlafen, ja das wäre gegangen, tagsüber. Nachts blieb sie in Apathie. Wach. Die Zimmerdecke zeigte 47 fluoreszierende Sterne. Mehrfach gezählt, überprüft. Es stimmte.

Tagebucheintrag:

Ich hasse meine Arbeit. Arbeiten, essen, schlafen, wiederholen. Ich will nicht mehr arbeiten. Ich habe genug davon. Ich bin es leid, zur Arbeit zu gehen und über meine Arbeit und die Dinge, die ich jeden Tag tue, nachzudenken. Ich habe es satt, in Toiletten nach Toiletten zu suchen, ständig in Mist zu rennen und mir den Arsch in der Kacke abzuwischen. Ich bin müde von Toiletten, die riechen und Toiletten, die nicht riechen. Ich bin es leid, zur Arbeit zu gehen und all das im Kopf zu haben. Ich will wieder ein Gehirn. Ich brauche ein Gehirn. Ich brauche eine Flucht. Ich muss aufhören zu denken.

Die Albträume kehrten zurück.

In ihrer Wohnung gab es Fenster, vor denen Pflanzen standen, und es gab Wände, die mit Bildern ihrer Freunde und von Erlebnissen behängt waren; die Wand als Rückzugsort, der – verzweifelt angestarrt – Geborgenheit und Entspannung spenden konnte.

Im Fernsehen gab es Unterhaltungsshows zur niedrigschwelligen Berieselung, zur Ablenkung, zur Zerstreuung. Sie schaute im Wörterbuch nach: „Zerstreuung, Substantiv, feminin: das Zerstreuen, Auseinandertreiben“. Ein Auseinandertreiben im Gegensatz zum morgendlichen Zusammentreiben in der Fabrik, am Band, in den Großraumbüros, zuvor in den U- und S-Bahnen des öffentlichen Nachverkehrs.

In der Kantine gab es Großküchenfraß, zum Überleben ausreichend, zum Leben zu geschmacklos.

Aus Südkorea kannte man das Phänomen der Arbeitssucht. Die Menschen arbeiteten sich wortwörtlich zu Tode. Ein pandemisches Selbstverständnis hatte sich durchgesetzt, dass man einen Großteil des Lebens arbeiten solle. Es blieb Zeit für Träume, nicht aber für deren Verwirklichung. Der Alltag war Warten auf „das Eigentliche“, nach dem man sich sehnte, das aber nie kam.

Erneut: ein Arbeitsanruf.

Im Hintergrund der Fasan, einsamer Gesang.