Diese Geschichte schrieb christina-marie-huhn.de @christinamariehuhn zeitgenössische Literatur

Spätherbst des Lebens

«Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß …»

Die machtvollen Worte des Gedichts von Rilke hämmern durch meinen Kopf, wieder und wieder. Klamm legt sich die Herbstluft auf meine faltigen Wangen, als ich mich auf der schäbigen, alten Holzbank niederlasse. Unserer Bank.

Ich hatte einen meiner seltenen guten Tage: Mein Verstand war nahezu klar. Selbst die unermüdlichen Schmerzen haben sich ausnahmsweise vom täglichen Medikamentenbataillon besänftigen lassen. Trotz der Menge an Morphin wirkt die Welt heute so greifbar, wie schon lange nicht mehr. Mein trüber Blick schweift über die vertrauen Hügel. Die Landschaft macht sich bereit für den Winter, letzte tote Blätter an den Zweigen warten auf den frostkalten, scheidenden Wind, der sie endlich herabfegt.

In der Natur finde ich meine Emotionen gespiegelt: Was vor kurzem fröhlich und voller Leben war, zieht sich zurück oder stirbt endgültig. Bald wird sich das Bild gewandelt haben, und dichter Schnee wird die Erde und die Pflanzen bedecken, sodass alles Lebendige begraben ist.

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …»

ICH bin allein. Allein in diesem Gefängnis, das sich Körper nennt. Was mir bleibt, sind die Erinnerungen, nur sind sie nicht mehr verlässlich, gibt es doch Tage, an denen ich mich an fast gar nichts erinnern kann, Tage, an denen ich mein Umfeld wie durch zähen, dichten Nebel wahrnehme.

Bin ich die Person, die sich entfernt? Sind es die anderen, die sich von mir entfernen? Ich weiß es nicht.

In meine Glieder dringt ein Frösteln, das mein warmer Mantel nicht abhalten kann, obgleich ich ihn so fest um die Schultern ziehe, wie es meine steifen, zittrigen Finger schaffen.

Erinnerungen … Heute sind sie bei mir. Alle.

Jene laue Brise an einem Frühlingstag, die gelben Blüten des Löwenzahns hoffnungsvoll aus dem frischen Grün der Wiesen lugend. Zwei Fahrräder, die an dem wilden Apfelbaum lehnen, dessen Blütenpracht süßen Duft verströmt. Die vielen Vogelstimmen, untermalt durch das lustige Gurgeln des schmalen Bachlaufs und dein fröhliches Kinderlachen.

Die Szene wechselt. Dein Lachen hat sich verändert, ist reifer geworden. Ich spüre deinen Körper, der sich voller Vertrauen und Liebe an meinen schmiegt, genau hier auf dieser Bank. Ich fühle die Sonne des frühen Sommers, die unsere jungen Gesichter wärmt, erblicke helles Grün, das die Baumkronen umspielt, und rötliche Gräser, die im Sommerwind wogen.

Ich erinnere mich an einen Julitag, an dem unsere Kinder in dem kühlen Bach planschen. Die karierte Picknickdecke, die wir vor der Bank ausrollt haben, sehe ich so klar vor meinem inneren Auge, als läge sie in diesem Augenblick wieder hier.

Allmählich weicht der Sommer und wird von einer frühherbstlichen Szene ersetzt. Das Grün der Bäume beginnt zu schwinden, Rot- und Gelbtöne erscheinen. Dein trauriges Seufzen ertönt neben mir. Ich höre deine Bitte, weniger zu arbeiten, mehr für dich da zu sein, besonders jetzt, da die Kinder ihr eigenes Leben führen.

Dann kam der Tag, als der knorrige Apfelbaum weichen musste. An seiner Statt fand sich Stacheldraht gezogen, der seitdem eine kleine Ackerfläche in der Nähe der Bank abgegrenzt.

Am selben Tag hast du mich verlassen, bist für immer gegangen. Mein Leben wurde zerrissen, selbst wenn ich zunächst nichts als Unglauben empfand. Genau hier saß ich und starrte dumpf vor mich hin. Der Tag wich, die Dämmerung wurde zu Dunkelheit. Irgendwann kehrte ich zurück in mein stilles Haus.

Reue überkommt mich. Ich war nicht für dich da, obwohl du mich unzählige Male darum gebeten hast, erst durch Worte, die immer leiser wurden, dann einzig durch deine Blicke.

Und ich? Ich war taub und blind für deine Bedürfnisse.

Ich kann es nicht wiedergutmachen, so sehr ich es auch bereue. Was bleibt mir noch?

Eine Träne bahnt sich ihren Weg, läuft in einem warmen Rinnsal über mein kühles Gesicht. Ein letztes Mal nehme ich den Anblick der Landschaft in mir auf, schaue zur sinkenden Sonne, deren Strahlen in dieser Jahreszeit längst alle Kraft verloren haben. Mühsam stemme ich mich hoch und schlurfe über den von Bäumen gesäumten Weg dem leeren Heim entgegen. Raschelnd umspielt das Herbstlaub meine Füße, der Duft des scheidenden Herbstes erfüllt meine Nase: feucht, verrottend und dennoch vertraut.

«… wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.»

Herr: es ist Zeit, Abschied zu nehmen.

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