Diese Geschichte schrieb pilastro.de @susanne_pilastro_autor Familiendrama

Stufen der Erkenntnis

„Eins. Zwei. Drei. … Neun. Zehn. Elf.“ Lilly stand am Fuße der Treppe und zählte bewegungslos jede Stufe im Geiste. Als wollte sie sicher gehen, dass keine verlorengegangen war seit dem letzten Mal.

„Wäre auch ein Wunder, wenn sie verschwunden wären …!“, murmelte sie leise und war einen kurzen Augenblick nicht sicher, ob sie gedanklich noch bei der Treppe war oder bei … „Ach, egal!“ So gut es die Last auf ihren Schultern zuließ, schüttelte sie sich, um den Gedanken loszuwerden. Auf dem schwarz-roten Rucksack, den sie huckepack trug, thronten Isomatte und Schlafsack, seitlich hingen links die schweren Wanderschuhe, die ihr in den vergangenen Monaten sehr gute Dienste geleistet hatten, und rechts das verbeulte Essgeschirr aus dem Army-Shop.

„Was siehst du schlecht aus! Bestimmt ernährst du dich noch immer so komisch!“, würde es mit Sicherheit statt einer Begrüßung heißen – so, wie damals, als sie sich nach einem Auslandssemester das erste Mal wiedergesehen hatten. „Ich ernähre mich nicht komisch, ich esse nur kein Schweinefleisch, weil ich allergisch darauf reagiere!“, wiederholte Lilly still das Gespräch, zu dem das Leben offenbar die Repeat1-Taste gedrückt hatte. „Das wissen wir doch …!“, war meist die Antwort, gefolgt von Sätzen wie „… deshalb haben wir die Sauce mit Speck gemacht“ oder „… deshalb gibt es heute Spanferkel“. – „Das ist aber doch auch Schweinefleisch!“ – „Ach, wirklich? Stimmt! Jetzt, wo du es sagst … Kannst du das dann also nicht essen?!“ Am liebsten hätte Lilly irgendetwas gekontert, doch meist war sie ob der sich stets wiederholenden Ignoranz getroffen verstummt.

„Elf also …“, kehrte Lilly im Stillen zurück zum Objekt ihrer Beobachtung. „Alles beim Alten!“ Die gewohnten Stufen, die hinaufführten zur ebenso gewohnten Wohnung in das – ach so – gewohnte Leben von … „Denen begegne ich früh genug …!“, winkte sie im Geiste ab.

Um das Wiedersehen noch hinauszuzögern, musterte sie die elf Stufen, als müsste sie sich deren Anblick einprägen, weil es schon im nächsten Augenblick „puff“ machen und die Treppe für immer verschwinden würde: die Trittfläche einen Tick zu kurz, um treppab Platz für Schuhgröße einundvierzig zu bieten; die Höhe einen Hauch zu niedrig, so dass man gezwungenermaßen tippelte und sich seltsam tollpatschig fühlte, wenn man sie treppauf benutzte; der Belag noch immer türkisfarbenes Linoleum, das den Anschein geben sollte, hochwertiger Terrazzoboden zu sein.

„Fake!“, dachte sie. „Wie alles hier!“ Ihr Blick fiel auf die Wandverkleidung, die eine Beleidigung war, zumindest für ihr Auge. Denn Lilly hatte echten Carrara-Marmor gesehen, sogar berührt.

Einzig der Handlauf aus poliertem Kirschholz war aus einem natürlichen Material. Das schnörkelige Ende hatte Lilly schon als Kind fasziniert – doch um es zu berühren, musste sie die Treppe nehmen bis hinauf, denn das untere Ende hatte man abgesägt.

„Bringen wir es hinter uns!“, sprach Lilly sich Mut zu und setzte den rechten Fuß auf die erste Stufe. Es war, als antwortete diese mit einem Spruch aus der Vergangenheit: „Dir kann man es aber auch nie rechtmachen!“

„Du denkst immer nur an dich!“, ätzte die zweite Stufe, als Lilly sie mit dem linken Fuß betrat.

„Ich habe dich gekränkt? Wenn du das so wahrgenommen hast, tut es mir leid!“, wies die dritte jede Mitverantwortung von sich.

„So lange du deine Füße unter meinen Tisch …“, maulte die vierte.

„Man weiß schon gar nicht mehr, was man zu dir sagen darf!“, klagte die fünfte.

„Wir sind noch immer deine Eltern und ein wenig Dankbarkeit wäre angebracht!“, schrie die sechste.

Lilly hielt inne. „Ich bin durch Frankreich gelaufen, über´s Gebirge und durch halb Spanien – doch das war ein Dreck gegen diese elf Stufen!“ Vier waren noch zu bewältigen … Dann klingeln … Die Tür wird sich öffnen … Ihre Eltern unter dem Türrahmen stehen … Fremde … So viel hatte Lilly auf der Pilgerreise herausgefunden. Fremde … Schon immer …

Dann fiel ihr Blick auf die Holzschnecke, die gewunden war wie das Zeichen der Unendlichkeit. Kurz berührte sie den Handlauf und wollte sich die letzten Stufen hochziehen – doch mit einem Mal war sich Lilly sicher: „Nein! Ich bin zu alt für diesen Scheiß! Ab heute trage ich nur noch das Gepäck, das ich mir freiwillig auflade!“

Sprachs, drehte sich auf der Stelle um, sprang die Treppe hinunter und ließ sie – zusammen mit allem Ballast der Vergangenheit – hinter sich.

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