Diese Geschichte schrieb books2cats.wordpress.com @susanne.sommerfeld Dystopie

Neuanfang

Tessa presste ihren Rücken an die Wand und hielt die Hände fest an die Ohren gedrückt. Ein Schweißtropfen löste sich von ihrer Stirn und lief ihr ins Auge. Sie zwinkerte, um den Schmerz loszuwerden, und wagte es nicht, die Hände von den Ohren zu nehmen.

Jemand tippte ihr auf die rechte Schulter und sie zuckte zusammen. Wie lange hatte sie schon niemand Fremdes mehr berührt? Es war, als hätte er ihr einen Stromschlag verpasst. Die Haare auf ihren Armen stellten sich auf und ein Kribbeln durchfuhr ihren Körper.

Sie schaute nach rechts. Der Junge nickte ihr zu und schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Langsam senkte sie die Hände. Stille. Es war vorbei. Vorerst.

Dann hörte sie es. Erst leise, schließlich immer lauter. Ein Geschrei von Tausenden von Vögeln, die über das Haus hinwegflogen. Sie trat an eines der Fenster und spähte durch einen Schlitz im Holzbrett, mit dem es verschlossen war. Einige Tiere taumelten zu Boden und blieben reglos liegen. Ein Vogel steuerte genau auf sie zu und krachte gegen das Brett. Tessa sprang erschrocken zurück.

Der Junge lachte leise, ein Geräusch wie klirrendes Eis. Ein Lachen hörte man selten in diesen Tagen. Tessa drehte sich nach ihm um, aber er saß wieder auf dem Boden und hielt die Augen geschlossen.

Sie überlegte, wann sie den Jungen zum ersten Mal gesehen hatte. Er war mit den Anderen hier angekommen und hatte sich ihr nicht vorgestellt. Er hatte überhaupt noch kein Wort mit ihr gewechselt. Ob er stumm war? Die Menschen, mit denen er eintraf, schienen nicht seine Familie zu sein, denn auch sie sprachen nicht mit ihm. Wie musste er sich fühlen, ganz allein auf der Welt und nur Fremde um ihn herum? Sie hatte wenigstens noch ihren Vater, der einzige Mensch, der ihr geblieben war.

Es schien unendlich lang her zu sein, seit ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder David gestorben waren. Sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem sie ihre Gesichter und ihre Stimmen vergessen haben würde.

Alles hatte vor etwa zwei Jahren angefangen. Enorme Rauchwolken verdunkelten wochenlang die Sonne und vernichteten die Ernten. Dann folgten die fremdartigen Geräusche. Die Vögel drehten durch. Menschen kämpften gegeneinander und starben. Nichts war mehr wie vorher. Bis jetzt hatte niemand herausgefunden, warum das alles geschah und wie man es aufzuhalten vermochte. Kaum vorstellbar, dass sie einmal ein normaler Teenager gewesen war, der die Schule besuchte und sich am Nachmittag mit Freundinnen zum Einkaufen und Musikhören traf.

Ihr Vater legte den Arm um ihre Schulter und sie drückte sich an ihn.

»Alles in Ordnung, meine Kleine?«

Sie nickte und wischte eine Träne von der Wange.

»Wir müssen weiter, Tessa. Für heute scheint es vorbei zu sein. Die anderen sagen, die Vögel hätten sich auf einem Feld niedergelassen.«

Sie drehte sich zu dem Jungen, der noch immer zu meditieren schien. Jetzt öffnete er die Augen und schaute sie an. Sein Blick traf ihr Innerstes, und als hätte er ihre Gedanken gelesen, nickte er.

»Papa, können wir ihn mitnehmen? Niemand sollte jetzt allein sein.«

Ihr Vater seufzte und schüttelte den Kopf.

»Ich wünschte, er könnte uns begleiten. Aber wir kommen gerade so zu Zweit über die Runden. Und ich möchte nicht für noch jemanden Verantwortung übernehmen müssen.«

»Papa, bitte. Würdest du nicht auch wollen, dass sich jemand um mich kümmert, wenn ich ganz allein wäre?«

Bevor er ihr antworten konnte, begann der Boden zu vibrieren und ein hoher Pfeifton drang durch die Fenster. Tessa schrie auf und hielt sich die Ohren zu. Ihr Vater sackte in sich zusammen, Blut lief ihm aus Mund und Nase. Sie klammerte sich an ihn und schrie: »Papa, verlass mich nicht! Bitte lass mich nicht hier zurück.«

Ihr Vater öffnete die Augen und flüsterte: »Bleibt zusammen …« Dann setzte die Atmung aus. Tessa schrie seinen Namen und schüttelte ihn wieder und wieder.

Sie wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, als sie vorsichtig vom Boden hochgehoben wurde. Der Junge trug sie aus dem Gebäude und folgte den Anderen.