Diese Geschichte schrieb @autorenrookie Thriller

Einfach mal was Neues ausprobieren

Während ich das bräunliche Gemisch im Glas schwenkte, klangen ihre Worte noch immer in meinen Ohren nach. ›Ich solle nicht schüchtern sein und einfach mal was Neues ausprobieren.‹

Anfangs dachte ich, sie meinte damit das komische Gesöff, das sie zu mir rüber schob. Espresso Tonic – der jüngste Kaffee-Trend und angeblich die perfekte Kombination. Für mich eher eine fragwürdige Mixtur.

Natürlich wollte ich nicht dastehen, wie ein verängstigter kleiner Junge, immerhin hatte mich eine echte Zehn von der Seite angequatscht. Also habe ich das Zeug runtergestülpt. Nicht so übel wie befürchtet, aber auch nicht so gut wie versprochen. Dafür bekam ich gleich die nächste Ausbaustufe serviert: Gin Tonic Coffee. Schon klar, einfach mal was Neues ausprobieren. Und das habe ich.

Nach dem vierten – oder war es der sechste dieser Dopingdrinks? – erschien die Idee, der bildschönen Gloria aufs Zimmer zu folgen, gar nicht so idiotisch. Was Neues ausprobieren? Warum nicht? Meine Frau würde nichts davon erfahren.

Wir haben dann einiges ausprobiert, was neu für mich war. Wie neu, davon konnte ich mir nun mehr als nur ein Bild machen, denn gesammelte Abzüge unserer nächtlichen Vergnügungen steckten in der Innentasche meines Mantels. Zusammen mit der Information, dass die Originale in Dateiform darauf warteten, an meine Frau gesandt zu werden. Es sei denn, ich würde binnen eines Monats das angefallene Fotohonorar in Höhe von 250.000 Euro, zahlbar in Bitcoins, ausgleichen. Selbstverständlich würden mir im Gegenzug dann sämtliche Dateien ausgehändigt. Inklusive Übertragung aller Nutzungs- und Vervielfältigungsrechte. Hahaha, witzig war sie auch noch.

Das war vor elf Tagen. Der Umschlag, der seitdem fast ununterbrochen über meiner Brust lag, brannte sich förmlich in meine Haut. Wie das glühende Eisen in den Kuhhintern.

›Einfach mal was Neues ausprobieren!‹ Dieses miese Stück hatte mich aufs Kreuz gelegt.

Da ich weder über so viel Barvermögen verfügte, noch meine Frau anpumpen konnte – die würde mich wegen des Ehevertrags sofort aus dem Haus jagen – und auch sonst niemanden kannte, der mir einfach so eine Viertelmillion leihen könnte, brauchte ich den vielzitierten Plan B.

Ich winkte dem Barkeeper meiner neuen Lieblings-Cafébar gegenüber vom Hotel und bestellte mir noch einen Gin Tonic Coffee. Der Dritte heute. In den letzten Tagen waren es immer vier. Oder sechs? Langsam gewöhnte ich mich an den Geschmack. Außerdem half mir der Mix aus Alkohol und Koffein beim Nachdenken. Redete ich mir zumindest ein.

Meine Ausdauer wurde belohnt. Gloria war tatsächlich an den Ort ihres Verbrechens zurückgekehrt und hatte sich wieder eingemietet. Trotz ihrer Verkleidung erkannte ich sie sofort und folgte ihr unbemerkt. Sie war sogar so dreist, dasselbe Zimmer zu nehmen. Vermutlich war sie hier Dauergast und hatte sich schon ein Pendant zu Vielflieger-Bonusmeilen erarbeitet.

Zwei Gin Tonic Coffee lang würde ich noch abwarten und ihr dann einen Besuch abstatten. Um ihr klarzumachen, dass auch sie mal was Neues ausprobieren sollte! Indem sie nämlich die beschissene Erpressung sofort abblies. Ihr aktuelles Opfer würde mein Zeuge sein.

Eine gute Stunde später schob ich die Schlüsselkarte, die ich zwischenzeitlich einem unaufmerksamen Zimmermädchen entwendet hatte, in den Schlitz und betätigte behutsam den Türgriff. Immerhin wollte ich Gloria überraschen. Nahezu geräuschlos öffnete ich die Zimmertür ein Stück und schlängelte mich durch. Genauso sachte schloss ich die Tür wieder.

Nachdem ich meine vibrierenden Nerven beruhigt hatte, schlich ich auf Zehenspitzen voran. Hinter der nächsten Tür vernahm ich gedämpfte Stimmen. Es war nicht zu verstehen, was sie mit ihrem neuesten Opfer sprach, aber es klang bei weitem nicht so ekstatisch wie bei uns. Die Hand am Griff atmete ich dreimal tief durch, riss die Tür auf und sprang ins Zimmer. Völlig entgeistert von dem, was dort vorging, wäre ich beinahe gestolpert.

Gloria vergnügte sich nämlich nicht mit einem weiteren Opfer im Kingsize-Bett. Vielmehr hockte sie komplett angezogen im Schneidersitz darauf und sortierte Bilder auf viele kleine Häufchen. Daneben eine zweite ordnende Person. Auch nicht nackt. Auch sitzend.

»Scheiße! Du?«, ertönte es aus deren Mund und sie starrte mich mit weitaufgerissenen Augen an.

Da saß meine Frau. Die ganz offensichtlich mit Gloria gemeinsame Sache machte, arme Schweine wie mich ausnahm und jetzt ihr Business nutzte, um mich geschickt abzuservieren.

Aus der Manteltasche zog ich Plan C – eine Beretta mit aufgeschraubtem Schalldämpfer.

„Zeit, einfach mal was Neues auszuprobieren!“