Diese Geschichte schrieb @colourgiver Slice of Life

Umzug

Pfeifend legte er den Pinsel zur Seite, trat ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Tagewerk. In hellen bunten Farben erstrahlte die Wand: Rosa, Pink, Lila, Orange, Gelb. Er hatte sich sehr darum bemüht, möglichst viele verschiedene Farbtupfer zu einem sommerlich anmutenden Hintergrund zu vereinen. Er nickte zufrieden und blickte auf die Uhr. Kurz nach acht. Kein Wunder, dass sein Magen lauthals knurrte.

Er ging zum provisorisch aufgebauten Klapptisch und zog seine Lunchbox hervor. „Dinner aus der Dose“, murmelte er, als er den Deckel öffnete. Nudelsalat mit zwei kalten Gemüsefrikadellen. Ja, es hätte ihn wahrlich schlimmer treffen können. Hungrig ergriff er seinen Löffel und kostete den ersten Bissen. Morgen früh um sieben müsste sie in etwa eintreffen. Das bedeutete für ihn eine weitere Nachtschicht. Er schluckte den ersten Bissen hinunter und spülte mit einem Schluck Mineralwasser nach. Wenn er richtig gerechnet hatte, blieben ihm noch gute zehn Stunden Zeit, um ihr Zimmer vorzubereiten. Die Wände waren fertig gestrichen. Gleich konnte er die Wandtattoos anbringen. Er hatte sich für Blumenranken, Kolibris und Schmetterlinge entschieden.

„Puh, hoffentlich gefällt es ihr …“, seufzte er. Leise Zweifel wollten sich in seinem Kopf ausbreiten. „Hach, papperlapapp“, wehrte er die ungebetenen Gedanken ab. „Teenies mögen so etwas!“

Mit diesen Worten beendete er sein Abendessen. Halb neun. Es konnte weiter gehen.

Über zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Als er damals Hals über Kopf fliehen musste, war Celine noch ein Kind. Fünf Jahre alt. Seitdem kein Lebenszeichen mehr, bis letzte Woche überraschend sein Telefon geklingelt hatte. Seine aufgelöste Schwägerin erzählte etwas von einem tödlichen Autounfall. „Deine Frau ist tot, hörst du? Du musst dich jetzt um deine Tochter kümmern!“

Die Nachricht hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Es lag nun eine knappe Woche zurück.

„Los, alter Mann, Endspurt! Du willst es der Kleinen doch hier so schön wie möglich machen …“, spornte er sich an. Die Nachtschicht begann.

Zwei Tage später.

Mit einem Stück Apfelkuchen in der Hand klopfte er an die Tür der Einliegerwohnung.

Celine öffnete. Aus dem Hintergrund dröhnten Bass- und Gitarrenriffe nach draußen.

Er betrachte seine Tochter. Die langen violett gefärbten Haare, die rasierten Stellen darunter, der Nasenring, die Schminke. Nein. Noch hatte er sich nicht an ihr neues Erscheinungsbild gewöhnen können. Er gab sich einen Ruck. „Na, Kleines, hast du dich gut eingelebt?“

Das Mädchen verdrehte die Augen. „Nein, Alter! Zufrieden?“

Die latente Aggressivität in ihrer Stimme und das „Alter“ versuchte er geflissentlich zu ignorieren. Ruhig bleiben, ermahnte ihn die innere Stimme. „Ich habe dir ein Stück Apfelkuchen mitgebracht. Darf ich rein kommen?“

Sie warf einen verächtlichen Blick auf das Backwerk und murmelte: „Wenn`s denn unbedingt sein muss …“

Er folgte ihr durch den Flur in ihr Zimmer und erstarrte.

Poster, eine Unmenge von Postern mit dubiosen düsteren Typen drauf. Mit schwarzem Edding gezeichnet, prangte in fetten Lettern „WHY?!?“ neben dem Kolibri.

„Lass dir den Kolibri, nein, den Kuchen schmecken …“, stotterte er verstört.

Sie zog bloß eine Augenbraue in die Höhe.

Wortlos stellte er den Teller auf den Tisch. Verdammt, da kommt noch was auf uns zu, dachte er, und ein Gefühlsknäuel aus Enttäuschung, Schuld, Scham, Wut und Angst machte sich in seiner Magengrube breit. Ganz offensichtlich wollte sie nichts weiter von ihm wissen. Daher drehte er sich um und ging zur Tür.

„Danke.“

Ein leises, einsames Wort. Doch es erfüllte ihn mit einer ebenso leisen Hoffnung und Zuversicht.

„Wenn du etwas brauchst, kommst du rüber, ja?“

„Is klar …“ Sie lächelte ihn kurz an, bevor sie die mürrische Miene wieder aufsetzte.

Er schloss die Tür hinter sich und ging zurück in seine Wohnung.

„Ach, das wird schon …“, dachte er.

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