Diese Geschichte schrieb taraundtristan.de @nancyomreg Drama

Vaterliebe

Die Augustsonne begann langsam am Horizont zu sinken und tauchte alles, was sie noch berührte in ein warmes, gelbes Licht. Er genoss diesen Moment jedes Mal. Seit vielen Jahren erklomm er den Berg mit seinem Mountainbike, um in diesem wunderschönen Abendlicht den Ausblick auf das Tal zu genießen. Dazu genoss er ein kaltes Bierchen als Belohnung für die Anstrengung in der Augusthitze.

Seitdem sein Sohn Fahrrad fahren konnte, machten sie mindestens einmal im Jahr die Tour gemeinsam. Dann holten sie aus dem Wirtshaus ein Bier für ihn und eine Limonade für seinen Sohn und setzten sich auf die gegenüberliegende Seite hinter die Mauer auf einen Felsen. Von dort aus hatte man den besten Blick über das Tal und konnte beobachten, wie die untergehende Sonne hinter ihnen, das Tal zu ihren Füßen in ein strahlendes Licht tauchte, welches sich anschließend nach und nach in Schatten hüllte. Durch die Blätter, die sich an der Mauer entlang rankten, konnte man ebenso das gesellige Treiben im Biergarten des Wirtshauses betrachten und sich darüber freuen, dass man im Gegensatz dazu hier auf dem Felsen so eine entspannte Ruhe hatte.

Wenn das Tal unter ihnen gänzlich im Schatten verschwunden war, machten sein Sohn und er sich auf den Weg zurück nach Hause. Bergab waren sie fix und so erreichten sie ihr Haus immer noch rechtzeitig, bevor die Straßenlaternen angingen.

Er seufzte und lächelte bei diesen Gedanken. Dann nahm er zwei Flaschen Bier aus seinem Rucksack und öffnete sie. Eine Flasche stellte er auf die Mauer zwischen die Blätterranken, die andere behielt er selbst und nahm einen großen Schluck, während er seinen Blick über das Tal gleiten ließ.

Sein Sohn bettelte immer darum auch einmal kosten zu dürfen. Doch er versprach ihm, wenn er seinen 18. Geburtstag feierte, dann würden sie beide hierherfahren und er dürfte seine eigene Flasche trinken. Darauf freute sich sein Sohn seit Jahren.

Sie malten sich aus, wie sie gemeinsam in der untergehenden Sonne an seinem Geburtstag anstoßen und anschließend laut ins Tal rülpsen würden.

Er griff in seine Hosentasche und nahm ein Foto hervor. Es war schon abgegriffen und leicht zerknittert, zu oft hatte er es in den vergangenen Jahren in seiner Tasche getragen.

Zärtlich fuhr er mit seinem Finger über das jungenhafte Gesicht, das ihn darauf anlächelte.

Dann nahm er seine Flasche und prostete dem Foto zu. „Alles Liebe zu deinem 18. Geburtstag“, sprach er leise zu der Fotografie und eine Träne rollte über seine Wange.

Wie gern hätte er mit seinem Sohn jetzt angestoßen und ihn in seinem Arm gehalten. Doch zum Anstoßen blieb ihm nur die Flasche auf der Mauer zwischen den Blätterranken. Seit drei Jahren durfte er seinen Sohn nicht mehr in den Armen halten.

Er blickte zurück auf die Fotografie zu dem glatzköpfigen Jungen, der kraftlos in seinem Krankenhausbett lag. Dann steckte er das Foto wieder ein und blickte in die untergehende Sonne.

„Irgendwann sehen wir uns wieder, mein Junge“, murmelte er und die Sonne strahlte auf die Flasche auf der Mauer, als würde sie in seinem Namen für ihn anstoßen.

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