Diese Geschichte schrieb @p.t.hadka Liebesgeschichte

Way to Paradise

„Oh wow, just look! Isn’t that adorable, Honey? It’s really like paradise here!“

Patricias Stimme überschlug sich. Vor Aufregung war sie automatisch in ihre Muttersprache verfallen und sprach mindestens eine Oktave höher.

Sie blickte im Zimmer umher und strahlte über das ganze Gesicht, das leicht rötlich schimmerte. Roland war allerdings skeptisch, ob das nicht eher von der körperlichen Anstrengung herrührte. Immerhin hatten sie ihr Turmzimmer über die steile Treppe des alten Baus erklimmen müssen. Einen Lift suchte man in diesem historischen Wasserschloss vergeblich.

Schwer atmend stellte er nach gefühlt 200 Treppenstufen ihre Koffer ab – ihrer war nicht nur fast doppelt so groß, er wog auch trotz ‚leichtem Gepäck‘ beinahe das dreifache von seinem – und ließ sich in einen Stuhl plumpsen. Patricia verschwand im Nebenraum.

„Oh no, isn´t that beautiful, Honey? Honey? Schatz? Wo bleibst du? Komm! Das musst du dir unbedingt ansehen!“ Offensichtlich war ihr nun doch aufgefallen, dass sie nicht mehr deutsch gesprochen hatte.

Roland stützte sich auf den Armlehnen ab und schob sich langsam in die Höhe. Seine Bandscheiben und Knie starteten unmittelbar einen internen Wettstreit, wer von beiden mehr Schmerzimpulse ans Zwischenhirn senden könnte. So leise wie möglich quetschte er einen Stöhnlaut zwischen seinen Zähnen durch. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen und er musste einen Moment stehenbleiben, bevor er seiner Frau folgte.

Er fand Patricia neben einem relativ schmalen Doppelbett – Kingsize war das eher nicht – wo sie mit verklärtem Blick auf eben dieses deutete.

„Sieh doch nur, wie liebreizend die das dekoriert haben. Ist das nicht herzallerliebst?“

„Mmmh hmmm, wirklich schön“, brummelte er seine Zustimmung. An ihm war wahrlich kein Romantiker verloren gegangen. Außerdem wäre ihm ein breites und vor allem rückenfreundliches Boxspringbett tausendmal lieber als diese rustikale Holzkiste aus dem vorletzten Jahrtausend. Vermutlich mit Matratzen bestückt, die diesen Namen nicht verdienten. Doch die zusammengerollten und zu einem großen Herz geformten Decken, dekoriert mit kleinen Süßigkeiten, öffneten bei Patricia sämtliche Endorphinschleusen. Und wenn sie glücklich war, dann war er es auch.

„Na komm schon, alter Muffelbär …“, Patrica knuffte ihn liebevoll gegen den Arm. „… genieße es ein bisschen. Das ist doch das reinste Paradies hier.“

„Naja, unter Paradies stelle ich mir eher den berühmten Garten Eden vor und weniger eine alte Raubritterburg.“ Roland legte sofort nach, als er die sich leicht verdunkelnde Miene ausmachte: „Aber du hast ja recht. So stilecht, wie hier alles gestaltet ist, hat es durchaus etwas Paradiesisches.“

Er ging zu seiner Frau und kniff sie liebevoll in die Wange.

„Und wenn ich 2000 Wochen jünger wäre, würde ich dich jetzt hochheben und in die Mitte dieses Herzens werfen.“

„Und dann?“, kiekste sie und blinzelte kokett mit den Augen.

„Dann, mein Schatz, würde ich Dinge mit dir anstellen, die dich tagelang nur noch Herzen sehen lassen!“

„Ich bitte Sie, mein Herr! So geht das aber nicht. Außerdem ist dann die schöne Dekoration kaputt“, schmollte Patricia.

„Tja, dann müssten wir wohl testen, wie bequem der Fußboden ist“, feixte Roland.

„Also wirklich. Ich bin entsetzt.“ Sie stemmte die Arme in die Hüften und plusterte sich zur stattlichen Größe von 1,63 Meter auf. „Ich bin ein anständiges Mädchen!“

Patricias gespielte Empörung hielt aber nicht lange an. Als Roland seine Frau grinsend in die Arme zog, lächelte sie selig. Vielleicht stellte sie sich die Szenerie ja doch vor.

Nachdem sie sich von der anstrengenden Anreise erholt hatten, das Bett war tatsächlich besser als befürchtet, orderten sie ihr Abendessen aufs Zimmer. Beide hatten keine Lust mehr darauf, nochmals zig Stufen steigen zu müssen.

Als der Zimmerservice ging, hing Roland das ‚Bitte nicht stören-Schild‘ außen an die Türklinke und verriegelte von innen. Danach genossen sie ihr Abendessen und plauderten über alles Mögliche.

Schließlich war es soweit. Roland ließ den Korken der Champagnerflasche an die Zimmerdecke knallen und füllte zwei Gläser mit dem wild schäumenden Edelgetränk.

„Alles Gute zum Hochzeitstag, mein Schatz“, prostete er seiner Frau zu.

Patricia stieß ihr Glas leicht gegen das seine und korrigierte: „Alles Gute zum ‚Goldenen‘ Hochzeitstag, Honey.“

Wenig später lagen sie nebeneinander im Bett, blickten sich tief in die Augen und spülten die Spezialtablette aus der Schweiz mit einem großen Schluck herunter.

Hand in Hand machten sie sich auf den letzten Weg. Their way to paradise.

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