Diese Geschichte schrieb taraundtristan.de @nancyomreg Drama

Das Gehöft

„Oh nein! Bitte nicht das auch noch!“ Wütend schlug ich mit der Hand auf mein Lenkrad. Als Antwort schnaubte der Motor noch einmal empört auf, dann blieb mein Auto stehen. Heute ging auch alles schief.

Erst ließ ich meinen Pitch zu Hause liegen, dann musste ich eine riesige Umleitung fahren und nun blieb mein Auto mitten in der Pampa stehen! Zu allem Überfluss plagte mich mein schlechtes Gewissen, dass ich den Anruf meiner Oma weggedrückt hatte. Ihr Timing war auch echt schlecht. Apropos Anruf. Ich holte mein Handy aus der Tasche, um den Abschleppdienst anzurufen. Die nächste Katastrophe! Kein Empfang! Ich war den Tränen nahe.

Kopfschüttelnd verließ ich mein Auto, in der Hoffnung beim nächsten Hof ein Telefon zu finden. Das Anwesen wirkte alt und zum Teil marode. Zwei Häuser mit bröckligem weißem Putz rahmten den Hof ein. Auf einem der beiden war eine Weltkugel aufgemalt, und drumherum Menschen in Weiß und Schwarz. ‚Merkwürdige Zeichnung an einem Bauerngehöft‘, dachte ich mir.

Ich fühlte mich in dieser Umgebung sehr unwohl und wollte so schnell wie möglich weg. Also klopfte ich an die Tür, welche beim zweiten Klopfen leicht aufschwang. Es erinnerte mich an einen Gruselfilm.

Zögernd betrat ich das Haus. „Hallo?“, rief ich laut. Doch es blieb weiterhin so unheimlich still. Vielleicht konnte ich wenigstens ein Telefon finden. Ich schlich durch den staubigen und unordentlichen Flur. Wer auch immer hier wohnte, schaffte seine Arbeit offensichtlich nicht mehr so gut. Und dieser Gestank! Mir wurde leicht übel.

Ich gelangte in das Wohnzimmer und blickte umher. Etwas erregte meine Aufmerksamkeit. Meine Augen blieben an einem Haarbüschel hängen, welches über der Rückenlehne eines Sessels hervorblitzte. „Hallo?“, rief ich noch einmal mit zittriger Stimme.

Langsam ging ich auf den Sessel zu. Als ich ihn erreichte, schlug ich meine Hände vor den Mund. Vor mir saß eine alte Frau mit geschlossenen Augen. Das Strickzeug war ihr heruntergefallen. Auf ihrem Schoß lag zusammengerollt eine schwarz-weiße Katze. Ihr Fell war struppig und vergraut. Bei niemandem war ein Lebenszeichen zu vernehmen. Es war, als wären die alte Frau und die Katze mitten in ihrem Leben für immer eingeschlafen.

Ich stolperte hinaus in den Flur und kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. ‚Hilfe holen! Ich muss Hilfe holen‘, schoss es mir durch den Kopf und ich begann zu rennen.

Keuchend kam ich auf dem nächsten Gehöft vor einem Mann mittleren Alters zum Stehen. „Sie müssen mir helfen“, stammelte ich wild. Der Mann stützte mich. „Da drüben im Haus“, japste ich. „Die alte Frau, sie ist tot“ und dann brach ich in Tränen aus.

Eine Stunde später sah ich zu, wie der Leichenbestatter den Sarg mit der alten Dame in sein Auto lud. Ich hatte darum gebeten, dass er die Katze mitnahm, damit die beiden zusammen ihre letzte Ruhe finden konnten.

„Frau Lehmann betrieb früher eine Jugendherberge“, erzählte mir der Nachbar. „Kinder aus der Stadt konnten hier das Landleben kennenlernen. Sie liebte Kinder, doch leider hatte es Gott ihr nie vergönnt selbst welche zu bekommen. Als sie irgendwann die Jugendherberge aufgeben musste, lebte sie hier allein und sehr zurückgezogen. Seit meine Mutter im Rollstuhl sitzt, hatte sie Frau Lehmann nicht mehr gesehen. Ich bin die einzige Hilfe, die meine Mutter noch hat. Schon oft habe ich ihr gesagt, dass sie den Hof aufgeben soll. Doch sie hängt auch so sehr daran, wie Frau Lehmann es tat.“

Ich wurde nachdenklich. In jüngeren Jahren hatte man Freunde, Arbeitskollegen und genug Kontakte. Im Alter werden jedoch die Menschen, die nach einem sehen, immer weniger. Man tritt aus der Gesellschaft aus und alles was einem bleibt ist die Hoffnung, dass die eigene Familie nach einem sieht, wenn es sonst kein anderer mehr macht. Anderenfalls stirbt man einsam und von niemandem vermisst.

„Dürfte ich vielleicht noch einmal telefonieren?“, fragte ich mit zittriger Stimme. „Selbstverständlich, Sie wissen ja, wo das Telefon steht.“

Ich ging zurück zu dem Nachbarhaus und wählte eine Nummer. Es klingelte eine Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam. Endlich hörte ich am anderen Ende eine wacklige Stimme: „Hallo?“

„Oma! Ich bin es. Ich wollte dir nur sagen, wie lieb ich dich habe“ und dann erzählte ich weinend von der gesamten Woche, in der ich sie nicht angerufen hatte.